Deine Verletzungen fordern dich nicht zur Versöhnung auf, sondern zur Öffnung für deinen Schmerz

Eine der beliebtesten Aufforderungen, mit der ich konfrontiert wurde, geht in folgende Richtung:

“Stefan, du musst endlich Frieden mit deinen Eltern schließen.”

Meine Eltern denken, sie hätten bei mir versagt.

Sie wollen mir ständig beweisen, dass und wie sehr sie mich lieben.

Sie sehen mich aber immer noch als ihren Sohn.

Sie wollen die Geschichte vom Erstgeborenen nicht loslassen.

Als Sohn lieben sie mich. Als Mensch lieben sie mich nicht.

Sie wollen immer noch was von mir.

Sie wollen meine Liebe und sie wollen meine Anerkennung ihrer Liebe.

Sie wollen, dass ich endlich anerkenne, dass sie mich wirklich lieben.

Pia meinte, da sei etwas festgefahren bei uns.

Das ist aber in dem Sinn nicht festgefahren … es ist ein grundlegendes Problem, wenn dein Sohn so ist wie ich bin und du als Vater oder Mutter nicht bereit bist, dich dafür zu öffnen.

Das kann nicht gehen.

Es ist dadurch ein ständiges Hin- und Hergeschiebe und ein etwas beweisen und Recht haben wollen.

Ich konnte meine Eltern nicht tief genug verletzen, so dass sie sich für eine andere Option als Diskussion entscheiden konnten.

Ich hänge bei ihnen an der Oberfläche fest, wo ich vollkommen unwirksam bin und wo ich mich nicht gerne aufhalte.

Meine Eltern haben mich dagegen tief genug verletzt. Ich musste eine andere Option suchen.

Und dann kommen Menschen und wollen mir meine Verletzung ausreden, indem sie mir empfehlen, dass ich mich versöhnen und meine Eltern bedingungslos lieben soll.

Hast du das schon geschafft?

Hast du das wirklich hinter dir?

Sie wollen mir diejenige Verletzung ausreden, die so wichtig ist für meine Öffnung.

Die Verletzung, die dazu geführt hat, dass ich bereit war.

Meine Eltern haben mich auf alles vorbereitet.

Tief unbewusst, aber hocheffektiv.

DAS war der Liebesdienst meiner Eltern:

Meine tiefe Verletzung dadurch, dass sie mich nicht gesehen haben und meine Gabe in ihrem Leben nicht willkommen heißen konnten.

Wir hatten eine Verabredung miteinander:

Wir verletzen uns gegenseitig so stark, dass wir aufwachen MÜSSEN aus unserem Tiefschlaf.

Sie waren erfolgreich.

Ich habe versagt.

Wenn du mir sagst, dass ich mich mit meinen Eltern versöhnen sollte, dann glaube ich dir nicht. Ich glaube dir nicht, weil ich weiß, dass du diesen Weg nicht gegangen bist. Ich weiß, dass du nicht weißt, wovon du schreibst.

Du willst nur deinen eigenen Schmerz verdrängen, deine eigenen Verletzungen nicht sehen, um selbst nicht daran wachsen zu müssen.

Deine Verletzungen fordern dich nicht zur Versöhnung auf, sondern zur Öffnung. Was dann passiert, kannst du nicht wissen.

Wenn du dich öffnest, musst du dich nicht mehr versöhnen, weil Versöhnung ein Bestandteil dessen ist, was du bist. Nicht als Kontrast, sondern als nicht-dualer Bestandteil von dir. Das, was du bist, kennt weder Streit noch Versöhnung. In deiner Weite existiert alles.

Wenn dadurch äußerliche Versöhnung geschieht: wunderbar!

Wenn dadurch keine äußerliche Versöhnung geschieht: wunderbar!

Deine Verletzungen sind dein Wachstum. Wenn du sie negierst oder so tust, als würdest du alle und alles immer konstant lieben, verhinderst du dein Wachstum.

Öffne dich für deinen Schmerz.

So öffnest du dich für dein Wachstum.

Alles andere regelt sich dadurch von selbst.

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Stefan,
    zum Thema Öffnung fällt mir sofort eine Situation ein die ich vor Jahren mit meiner Mutter hatte. Unsere Beziehung war immer schwierig und habe habe mich nie gesehen gesehen …..
    Egal, es geht jetzt konkret nur um diese eine Begebenheit.
    Wir hatten mal wieder einen Streit der wie so oft zu nichts führte. Und plötzlich kam aus mir so ein Hass heraus, ich verlor jegliche Kontrolle über mich. Der Hass war so gigantisch, der da raus kam. Da sind wir beide erschrocken. Ich habe es in ihren Augen gesehen!
    Ich bin dann erst mal rausgerannt und war selber erschrocken über diese Gefühle. Da habe ich sogar Gewalt in mir gespürt. Und dann sind meine Gefühle erst mal geflossen. Dann kam ein Moment, wo ich richtig spürte, jetzt kann ich mich entscheiden, entweder ich gehe oder ich zeige mich ihr mit diesen Gefühlen.
    Ich habe mich fürs Letztere entschieden. Und das war so heilsam für unsere Beziehung. Das hat wieder etwas zurecht gerückt.
    Das war wie ein reinigendes Gewitter. Das hat alles verändert zwischen uns.
    Und als sie Jahre später im sterben lag konnte ich sie bis zu ihrem letzten Atemzug begleiten. Und was übrig geblieben ist, ist die Liebe.

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