Jede Erziehung ist Bestrafung

Hast du schon einmal gehört, dass du jetzt halt die Konsequenzen tragen musst?

“Konsequenzen tragen” ist die uralte Idee von “Gerechtigkeit durch Bestrafung”.

Es ist auch die christliche Idee eines strafenden Gottes. Es ist die spirituelle Idee von “gerechtem Karma”. Und es ist die sozialistische Idee von “Gleichheit und Gerechtigkeit für alle”.

Was wäre, wenn es keine Gerechtigkeit gibt und wenn das sogar gut so ist?

Die meisten Konsequenzen sind rein fiktiv und ausgedacht.

Ausgedacht für das Spiel “Erziehung durch Bestrafung”.

“Du hast dich nicht so verhalten, wie ich möchte, dass du dich verhälst (damit es mir gut geht) und deshalb bekommst du jetzt deine “gerechte” Bestrafung, indem du mit den Konsequenzen leben musst.”

Jede echte Konsequenz lernen wir ohne Drohung, weil sie sowieso da ist und weil ich sie gar nicht vermeiden kann!

Wenn ich Mountainbike fahre und vom Rad falle, kann die Konsequenz sein, dass ich mich verletze. Das muss mir niemand sagen. Das weiß ich und ich entscheide selbst, welches Risiko ich eingehe.

Wirklich einschätzen kann ich das Risiko nie wirklich und es ist pure Gnade, dass ich noch leben darf.

Ich hätte im Straßenverkehr mit dem Rennrad schon hunderte Male schwer verletzt werden oder sterben können. Einmal war es mit einem, mir mit mindestens 80 km/h entgegenkommenden Auto, das gerade überholt hat, so knapp, dass ich noch immer nicht gerne daran zurückdenke. Ich war genau 5 Meter vor der Stelle, die so eng war, dass ich nicht mehr ausweichen hätte können.

Ein anderes Mal fuhr ich bergauf und hörte einen Motorradfahrer, der gerade ein persönliches Rennen bergauf fuhr. Ich wusste, dass ich in einer Kurve sein werde, wenn er mich überholt und ich wusste, dass er mich nicht sehen wird und ich keine Chance habe, wenn ich auf der Straße bleibe. Also bin ich kurz bevor er mich überholte in den Straßengraben gesprungen.

Im Kontakt mit meiner Familie fällt es mir am leichtesten auf, wie oft wir das Erziehungsspiel “Gerechtigkeit durch Bestrafung” spielen. Nicht nur mit unseren Kindern, sondern ganz allgemein.

Und natürlich verstehen sie mich nicht, wenn ich es erwähne.

Es ist immer das gleiche Prinzip:

Weil es mir weh tut, was du tust, muss es dir auch weh tun.

Weil es den Eltern weh tut, wie sich ihr Kind verhält, muss es auch dem Kind weh tun.

Wenn wir selbst schon so weit sind, dass es uns auffällt, wieviel wir mit Bestrafung arbeiten, setzen wir Konzepte ein, die den Schmerz des Bestrafungsspiels für uns erträglicher machen, indem wir von “Konsequenzen” sprechen, die wir uns vorher künstlich ausgedacht haben.

Kinder, die etwas falsch machen und deshalb geschlagen werden, Fernsehverbot, Hausarrest, eine Standpauke oder Liebesentzug bekommen, haben es mit unreifen, weil beleidigten und verletzten erwachsenen Kindern zu tun.

Diese Erwachsenen denken sich hypothetische Konsequenzen aus, die nichts anderes als Strafen sind. Konsequenzen sind etwas, das sich direkt ableiten lässt.

Und ja, auch Gefängnisstrafen sind keine direkten Konsequenzen, sondern erzieherische Maßnahmen, die nie funktionieren können.

Wir leben in einer schizophrenen Gesellschaft, die dysfunktionales Verhalten durch dysfunktionale und schizophrene Systeme (Konsquenzen, die keine Konsequenzen, sondern Strafen sind) heilen will.

Wie soll das jemals funktionieren?

Ja, alle Täter und auch die Mörder sitzen nicht wegen angeblicher Gerechtigkeit im Gefängnis, sondern wegen unseren Rachegelüsten und weil wir versagt und aufgegeben haben und weil wir uns nicht trauen, genauer hinzuschauen.

Würden wir erkennen, dass es um unsere Rache geht, könnten wir beginnen, tiefer zu schauen und wir würden die Täter in unsere Mitte nehmen, statt sie zu isolieren.

Wir würden sie fragen, warum sie das getan haben, was dazu geführt hat und vor allem, wie sie sich gefühlt haben.

Und wir würden sehr genau bei uns nachschauen, was wir in uns verdrängen, wenn wir behaupten, dass wir das niemals tun würden.

Wir würden erkennen, dass wir das alles auch sind, dass wir diese Gefühle in uns tragen.

Ich bin das alles!

Ich bin Adolf Hitler, ich bin Donald Trump und Josef Ackermann, genauso wie ich Mahatma Gandhi, Amma und Joseph von Nazareth bin.

Wir hätten innerhalb weniger Monate eine friedvolle Gesellschaft, weil wir uns wieder aufeinander und auch auf unsere dunklen Seiten einlassen würden, statt sie weiterhin zu negieren und zu verdrängen.

Himmel und Hölle sind gleichzeitig in uns allen und wir haben die Wahl!

Es gibt dazu so ein schönes Gleichnis aus dem Film “The Power of the Heart”:

Ein Krieger wird von den Bildern, der von ihm getöteten Menschen verfolgt und sucht eine weise Frau auf.

Er sagt zu ihr:

“Ich will wissen, ob es einen Himmel und eine Hölle gibt.

Ich habe so viele Menschen getötet und für sie wünsche ich mir, dass es einen Himmel gibt. Für mich hoffe ich, dass es keine Hölle gibt.”

Da ihm die weise Frau nicht antwortet, droht er ihr mit seinem Schwert. Als sie reagiert “Willst du mir jetzt beweisen, was für ein Feigling du bist, indem du eine alte, wehrlose Frau umbringst.” wird er so wütend, dass er mit dem Schwert ausholt und knapp davor ist, die Frau zu töten.

“Das ist die Hölle!” sagt die Weise.

Während der Krieger realisiert, was er getan hat, steigen ihm die Tränen in die Augen.

“Und das ist der Himmel!”

Wenn wir das verstehen, dann geht es nicht um Verständnis für die eine oder andere Seite, sondern um tiefes Erkennen unserer wahren Natur.

Wir kreieren durch unser Spiel “Ich verändere dich, damit es mir besser geht.” so viel Unheil auf der Welt, dass es an der Zeit ist, auch die angeblich dunkelsten Aspekte zu integrieren.

Dadurch können wir unser Spiel umdrehen:

Ich verändere mich, damit es mir besser geht.

Dadurch geht es automatisch auch allen anderen besser.

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6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Lieber Stefan

    Aufwachmedizin 108 … hmmmm

    “…

    In der Tai Chi-Welt wird gesagt, dass wer die 108 beherrscht, ein Meister ist.

    108er Langform im Tai Chi Yang Stil: Die ursprüngliche Tai Chi Form im Yang Stil setzt sich zusammen aus 108 Figuren, wobei einige Figuren in der Form wiederholt werden. Es ist die ursprüngliche Form von Stilbegründer Yang Luchan. Es ist die Mutter aller Tai Chi Yang Stil Formen. Die 108er Tai Chi Langform ist unterteilt in drei Abschnitte: Erde, Himmel und Mensch. …
    Was ist Tai Chi? Äußerlich sind die Bewegungen im Tai Chi Yang Stil weich und sanft, daher wird der Tai Chi Yang Stil im Norden Chinas auch “weiches Boxen” (Mian Quan) genannt. Allerdings sind die Könner im Yang-Stil in der Lage, mit ihrer Explosivkraft jeden Gegner zu überwinden. Im ursprünglichen Tai Chi Yang Stil wechselten sich noch schnelle und langsame Bewegungen ab.

    Wer die Tai Chi Langform lernen will, der braucht viel Zeit, viel Geduld und Ausdauer …
    …”

    … oder einfach aufwachen … :-)) ?!!!

    In Liebe verbunden
    Sylvia

  2. Ja, ich bin alles! Ich habe Verständnis für alles, was ein Mensch mir gegenüber zur Sprache bringt. Desgleichen habe ich ein Verständnis für alle “Gesetze” unseres Landes, in denen geregelt wird, was einem Menschen wie mir gegenüber geäußert werden darf und was nicht…Nichts desto trotz muss ich mich seit Jahren damit auseinander setzen, dass mein mehrfachbehinderter Sohn keine adäquaten Hilfen erhält! Trotz allen Einverständnisses meinerseits bekommt mein mehrfachbehinderter Sohn keine adäquate Hilfe, um einen Platz in unserer Gesellschaft annehmen zu können! Dieses widerspricht allem, was ich meinerseits als Anspruch an unsere Gesellschaft unter Zugrundelegung all unserer Gesetzgebung erachte. Liebe Grüße an dich!

    1. Geliebte Nicole,
      es geht nicht um dein Verständnis. Es geht auch nicht um euren Platz in der Gesellschaft. Und es geht nicht um die Gesetzgebung und deine Ansprüche. Es geht um deine Öffnung für die Situation, wie sie jetzt gerade ist. Dadurch verändert sich Alles! ♥♥♥
      In Liebe,
      Stefan

  3. Hallo Stefan,
    eine Freundin hat mir begeistert von dir erzählt und ich bin ganz spontan auf dem Blog gelandet. Wie ist das nun, wenn man das mit der Bestrafung nicht machen will, wenn man selber erkennt, dass es ein “Teufelskreis” ist – was macht man dann? Ich meine, meine Kinder müssen sich manchmal beeilen, weil sonst der Zug einfach weg ist. Ich muss Termine einhalten, auch unangenehme – und sie natürlich auch? Ich kann mich nicht immer “durchschmeicheln”. Und ich will auch nicht immer betteln. Das ist auch nicht schöner.
    Danke! Lg Karoline

    1. Geliebte Karoline, Kinder lernen nicht durch Worte und Regeln, sondern durch eigenes erleben. Kinder und auch wir selbst “müssen” viel weniger als wir denken. Beobachte dich einfach und schau genau hin, was wirklich notwendig ist und was du dir nur denkst, dass notwendig ist. ♥

  4. Lieber Stefan,
    leider sind wir im Moment noch schlecht darin, Menschen sein zu lassen, wie sie sind. Und auch schlecht darin, Menschen in die Mitte zu nehmen.
    Ich war gerade einkaufen – ein älterer Mann mit einem Becher fragte die vorbei gehenden Menschen nach ein bisschen Kleingeld. Er “bettelte” also.
    Der ein oder andere vorübergehende Passant gab ihm auch gerne etwas.
    Leider konnte der Mann nicht lange nach Kleingeld fragen, da er später vom Personal des Supermarktes “weggescheucht” wurde.
    Mir kam dieser Artikel in den Sinn. Menschen in die Mitte nehmen. Uns alle vereinigen. Noch klappt das nicht so gut, aber es wird. Ich bin sicher.
    Ich werde auch gerade in die Mitte genommen.
    Letztes Jahr hielt ich es nicht mehr im Büro aus, da ich den Sinn dieser Arbeit nicht fand und kündigte.
    Nun bekomme ich von der Gemeinschaft Geld (“Arbeitslosengeld”).
    Ich bin dankbar dafür, dass ich in die Mitte genommen werde. Auch hier fehlt teilweise Verständnis.
    Und auch hier bin ich sicher, dass dies wird.
    Lieber Stefan, ich danke Dir, dass Du Deine Gedanken teilst, und uns Menschen wachrüttelst.
    Ich werde es gerade.
    Birgit

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