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    18.8.2019AQ 632
    »Keines meiner Worte ist wahr … bis es dich berührt.«
    0:0023:22

    Dieser Satz beinhaltet alles. Das gesamte Leben.

    Denn nur dadurch, dass uns Worte berühren, werden sie für uns wahr. "Wahr" nicht unbedingt nur ausschließlich im Sinn von Wahrheit, sondern "wahr" auch im Sinn von "existent".

    Wenn ich dir sage: "Ich liebe dich!", dann können diese Worte nur wirken, wenn sie dich berühren, wenn du sie glaubst, wenn du sie überhaupt annehmen kannst. Wenn du dafür keine Resonanz hast, machen sie gar nichts mit dir. Und umgekehrt gilt das natürlich genauso. Wenn ich dir sage: "Ich hasse dich!", dann sind es nur dann Worte mit Bedeutung, wenn du sie persönlich nimmst und wenn du an sie glaubst, wenn sie bei dir auf eine Resonanz treffen. Und auf diese Resonanz treffen sie nicht, weil ich das bin, sondern auf diese Resonanz treffen sie, weil schon was da ist. Da war schon mal jemand vor mir da. Und bei dem hast du das erste Mal oder auch die ersten Male erlebt, wie das ist und wie das gemeint ist. Und je nachdem, wie diese ersten Erlebnisse von dir waren, dementsprechend interpretierst du meine Worte.

    Meine Worte haben also keine allgemeingültige Bedeutung. Sie haben immer eine individuelle Bedeutung und nur ausschließlich. Denn was du wahrnimmst oder was dich berührt, ist nicht das Gleiche, was einen anderen berührt. Und du hast auch mit hoher Wahrscheinlichkeit vollkommen andere Gefühle dabei. Und Gefühle eben nicht im Sinn von einem Namen, sondern selbst wenn du das Gleiche sagst, nämlich: "Ich fühle Liebe", oder "Ich fühle Wut oder Traurigkeit", dann fühlen das andere Menschen vielleicht auch, aber sie fühlen es an einer anderen Stelle oder ganz anders. Also sie würden es auch als "Traurigkeit" bezeichnen oder als "Liebe", aber sie fühlen gar nicht das Gleiche wie du.

    Hätte man dir als Kind gesagt, wenn du wütend bist, dass du jetzt gerade liebst, würdest du glauben, das sei Liebe. Deine Wut sei Liebe. Es ist wie mit dem sehr einfachen Beispiel: Wenn man dir als Kind sagt, dass ein Tisch "Stuhl" heißt und ein Stuhl "Tisch", dann ist für dich ein Tisch ein Stuhl und ein Stuhl ein Tisch. Und wenn Menschen das Wort, also selbst wenn sich alle auf dieses Wort "Tisch" einigen, dann hat jeder, der dieses Wort hört, einen anderen Tisch im Kopf. Und genauso ist es bei allem anderen auch.

    Es liegt also viel weniger an dem, der was sagt, als an dem, der was aufnimmt. Wenn ich nicht in der Lage bin oder nicht bereit, etwas anzunehmen, aufzunehmen, dann werde ich die Worte, die mir etwas schenken wollen, nicht verstehen können. Oder sogar noch extremer: Ich werde sie ablehnen und sogar bekämpfen.

    Da wir alle in einer Welt aufgewachsen sind, die überwiegend im Kampf ist, ist es kein Wunder, dass wir so wenig verstehen.

    Wenn ich Zitate schreibe, dann schreibe ich die nie aus einer Idee heraus oder mit einer Absicht, sondern aus einer Schwingung oder aus einem Gefühl. Das ist ganz schwer zu beschreiben. Ich weiß oft — oft! Ich weiß nie, woher das kommt. Das ist oft auch nur ein Satz, der fällt mir an den unmöglichsten Stellen und zu den unmöglichsten Zeiten ein. Wenn ich ihn nicht sofort aufschreibe, ist er weg. Und jeder dieser Sätze hinterlässt bei mir aber ein richtig gutes Gefühl. Und "Gefühl" ist vielleicht sogar der falsche Ausdruck. Ich juble da jetzt nicht oder drehe total durch, dass mir jetzt wieder was Neues eingefallen ist. Aber ich finde keine anderen Worte, als zu sagen: "Es fühlt sich gut an."

    Wenn ich die dann hinterher lese, denke ich mir manchmal: "Hm, was soll das wohl heißen? Was habe ich da gemeint?" Und ich weiß es nicht, weil ich habe nichts gemeint. Der Satz war plötzlich da. Und dann passiert es mir immer wieder, dass ich alte Sätze lese und mir denke: "Heilige Scheiße, das ist unfassbar. Der ist." Mir fehlen die Worte dafür, was der ist: tief, stark.

    So ging es mir vor Kurzem. Oder heute bei dem Zitat: "Wo ein Wille, da ein Weg. Wo kein Wille, da ein offenes Herz." Der flasht mich dann wieder. Und der beinhaltet so viel. Wenn wir das verstehen würden und wenn wir es dann leben würden, dann wäre alles so einfach. Denn in der Welt leben wir immer noch. Es geht immer noch um unseren Willen, unsere Ziele, unsere Wünsche, unseren Ehrgeiz. "Da will ich hin. Das will ich erreichen. Der will ich sein." Ich wollte auch immer ein motivierender Sprecher, Redner sein. Und ich konnte es nicht. Ich habe es versucht zu spielen und es hat sich scheiße angefühlt.

    Und wir können uns selbst entscheiden, ob wir für immer ein Schauspieler sein wollen und dafür total motivierend, scheinbar total motivierend. Oder ob wir einfach so sind, wie wir sind und damit das erreichen, was wir erreichen sollen. Vollkommen egal, was das ist, wie groß oder wie klein, wie bedeutend oder wie unbedeutend.

    "Keines meiner Worte ist wahr ... bis es dich berührt" beinhaltet auch eine sehr praktische Anleitung. Wenn es dich nicht berührt, denk nicht darüber nach. Versuch es nicht zu ergründen. Versuch nicht draufzukommen, was ich da jetzt gemeint haben könnte. Lass es einfach liegen. Das ist ein so einfacher Wegweiser: Wenn dich etwas berührt. Wunderbar. Endlos schön. Es gibt nichts Schöneres als Berührung. Und wenn nicht, dann mach dir keinen Kopf.

    Zweifle nicht an deinem Intellekt, weil es dich nicht genügend berührt oder was auch immer. Es berührt dich nicht. Fertig. Ende der Geschichte. Ganz einfach. Auch wenn es nicht wahr ist für dich — auch total einfach: Du kannst es einfach links und rechts liegen lassen. Weil wenn das wirklich stimmt, dass es für dich nicht wahr ist, dann brauchst du noch nicht mal darüber diskutieren.

    Diskutieren willst du nur, wenn sich dein Verstand dagegen sperrt, weil es sein könnte, dass das was öffnet, was er nicht geöffnet haben möchte. Und weil es sein könnte, dass du ihm auf die Schliche kommst. Das mag er nicht. Und dann fängt er an, über deine und meine Wahrheit zu diskutieren. Auch das kannst du ignorieren. Nicht mir zuliebe. Dir zuliebe. Du tust es für dich. Du ignorierst es, damit er dir nicht mehr wehtun kann. Das ist die große Kunst. Nicht, weil du mir damit was Gutes tust. Du tust dir was Gutes.

    Tu dir was Gutes und lass dich berühren. Und tu dir was Gutes: Wenn es dich nicht berührt, ignoriere es.

    Die Worte der großen Meister waren alle wahr. Nicht weil die Worte selbst wahr waren, sondern weil hinter den Worten Wahrheit war. Deswegen können die sich widersprechen. Deswegen können die am einen Tag das eine sagen und am anderen Tag das andere und es ist beides mal die Wahrheit. Beziehungsweise das Gegenteil. Ja? Also Osho hat das ja in Perfektion gemacht.

    Hinter den Worten war unendliche Wahrheit und das hat berührt. Und darüber kannst du dann anschließend nicht diskutieren. Das hat keinen Wert. Vor allem hilft es dir nicht. Es unterstützt dich nicht. Es baut dich nicht auf. Im Gegenteil: Es zieht dich wieder runter, auch wenn du Worte verteidigen willst. Also falls dich Worte berührt haben, falls dich meine Worte berührt haben und du willst die jemand erklären und der versteht es nicht oder besser gesagt, er ist nicht berührt — hat keinen Wert. Du kannst Berührung nicht verteidigen. Du kannst sie nur zulassen. Und wenn die beim anderen nicht stattfindet, dann kannst du grad mal überhaupt gar nichts tun.

    Wir denken aber immer, wir könnten was tun, weil wir so intelligent sind und so viel zu sagen haben und weil wir so gute Argumente haben. Versuch mal, Berührung herzuargumentieren. Argumente sind schon immer im Widerstand.

    Berührung ist die einzige Wahrheit.

    Aufwachklassiker (WDH AQ 437)
    Berührung
    Wahrheit
    Existenz