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    2.9.2026AQ 3204
    »Wenn du auf der Seite der Mehrheit oder auf der Seite der Guten stehst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du auf der falschen Seite stehst.«
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    Unser Bestreben, gut zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen, kann schamlos ausgenutzt werden. Und am leichtesten geht das, wenn wir Zustimmung wollen. Wenn wir uns von anderen Bestätigung erhoffen, sind wir am leichtesten manipulierbar. Wir knicken dann oft schon ein, bevor der andere irgendetwas gesagt hat. Es genügt eine kurze Pause, ein unerwartetes Schweigen. Und schon sind wir verunsichert.

    Historisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass du auf der falschen Seite stehst, wenn du die Mehrheitsmeinung vertrittst oder auf der Seite der angeblich Guten und anderen moralisch Überlegenen stehst. Wenn du dich unter allen Umständen und mit aller Kraft auf die Seite der Guten schlagen willst und zu den Guten gehören willst, sorgst du damit bereits für die Trennung, die du als tatsächlich Guter vermeiden müsstest.

    Das Trickreiche an der Beurteilung und Bewertung von Gut und Böse liegt darin, dass es meist hinterher geschieht. Nachträglich ist es leicht, sich über andere zu erheben, vor allem dann, wenn du die Situation, wie sie damals war, nicht erlebt hast. Wenn es sich im Nachhinein herausstellt, dass etwas ein Unrechtssystem war, dann behaupten die meisten, dass sie im Widerstand gewesen wären. Fast alle hätten gegen das Böse gekämpft. Wenn man gut sein will, gleichzeitig auch Zustimmung dafür bekommen möchte und deshalb auf der Seite der Mehrheit stehen will, dann ist die Möglichkeit ausgeschlossen, im Widerstand gegen das Böse zu sein. Denn das Böse tritt niemals als solches auf. Es verkleidet sich immer als das Notwendige und Gute.

    Wenn du Zustimmung willst, kannst du das nicht erkennen. Denn um Zustimmung zu erhalten, musst du deine Fühler die ganze Zeit ausstrecken, um herauszufinden, was die anderen meinen. Dadurch wirst du genau so leicht beeinflussbar wie alle anderen. Es genügt dann, dass man dir vorgaukelt, etwas sei das Gute und Richtige. Selbst wenn du das nicht sofort so siehst, siehst du es so, sobald die anderen es so sehen. Wenn nicht, bekommst du keine Zustimmung mehr und zählst nicht mehr zur Mehrheit. Du bist dann auf der Seite der Minderheit und erlebst das, was man im echten Widerstand erlebt: Kritik, Zurückweisung, Schmähung und Angriffe. Nichts davon fühlt sich so an, als würdest du auf der Seite der Guten stehen. Ohne Bestätigung durch andere fühlst du dich zusätzlich hoffnungslos verloren. So hättest du dir das Gutsein überhaupt nicht vorgestellt. Du dachtest, wenn du gut bist, fliegt dir der Applaus der anderen zu. Doch genau das geschieht nicht.

    Zu allem Überfluss geht es bei diesem Thema überhaupt nicht um Gut gegen Böse. Es geht um Psychologie und psychologische Mechanismen. Und bei diesen psychologischen Mechanismen geht es immer darum, ob du ein Kollektiv oder ein Individuum bist, ob du dich objektivierst oder subjektivierst. Stehst du für dich und bist in dir gefestigt? Oder kümmerst du dich primär um andere, um deinen Selbstwert zu steigern? Wenn du dich um dich selbst kümmerst, ist dein Selbstwert erst einmal bei Null. Denn genau das wird gesellschaftlich nicht honoriert. Es ist sogar verpönt. Und da die meisten Menschen diesen Gegenwind nicht aushalten, fallen sie zurück ins Kollektiv, in das, was als allgemein anerkannt und gut gilt. Deshalb gibt es so viele Papageien, die einfach nur das nachsprechen, was ihnen vorgesagt wird. Je anerkannter du sein willst, desto mehr wirst du zum Papagei.

    Die interessanteste Bewertung findet immer in der Retrospektive statt. Hinterher verändern sich unsere moralischen Vorstellungen, die wir auch schon währenddessen haben hätten können. Doch nur die wenigsten trauen sich diese, ihre eigene Moral zu leben. Dazu müssten sie gar nicht im Widerstand sein. Es genügt schon, wenn sie nicht auf der Seite der Mehrheit und der Guten sind.

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