Das heutige Zitat ist kein Plädoyer dafür, jeden anzumaulen, damit er auch die nicht so schöne Seite sieht. Aber es ist die Erklärung, dass eine Scheinwelt präsentiert wird. Verständlicherweise zeigt kaum jemand öffentlich gerne seine grummelige, motzige und streitlustige Seite und trotzdem existiert sie. Und sie existiert nicht so, wie sie dir bei Influencern freiwillig gezeigt wird. Sie existiert viel nüchterner und auch roher. Und diese Seite zeigt sich natürlich nicht gegenüber jedem.
Unter den Anhängern des Narzissmus wird das als Bestätigung dafür gesehen, dass der Narzisst absichtlich so ist. Du weißt es aus deiner eigenen Erfahrung, dass du nur gegenüber bestimmten Menschen so bist. Würde ich dir Berechnung unterstellen, würde das deine Realität nicht widerspiegeln. Deine erlebte Realität ist, dass es gegenüber bestimmten Menschen einfach aus dir herausbricht. Da kennst du keine Hemmungen und auch keine Scham. Und es bricht aus dir heraus, weil du dich getriggert fühlst. Andere Menschen könnten sich genau so oder ähnlich verhalten und du würdest dich weder getriggert fühlen, noch würde es aus dir herausbrechen.
Viele Menschen sehen das als etwas Negatives. Sie sind der Meinung, das sei mangelnde Selbstbeherrschung. Und während das stimmt, denn du kannst dich diesem Menschen gegenüber wirklich nicht beherrschen, ist es gleichzeitig auch ein Geschenk. Bei diesem Menschen tritt dein Trauma nach außen. Das ist für alle Beteiligten natürlich nicht schön. Und trotzdem ist es ein Geschenk. Dieser Mensch hilft dir, das in dir zu sehen, was kein anderer sichtbar macht. Der einzige Grund, warum das zu einem Problem wird, ist unser Umgang damit. Wir glauben nämlich, der andere sei schuld. Und in diesen Momenten sind wir umso überzeugter, dass wir den anderen bearbeiten, maßregeln und zurechtweisen müssen, damit er uns das in Zukunft nicht mehr antut.
Wir wollen uns mit Hilfe der anderen vor unseren eigenen Ausbrüchen schützen. Das ist ziemlich verrückt, denn diese Ausbrüche sind ja in uns. Und niemand kennt uns so gut und so intim wie diejenigen, die diese Ausbrüche verursachen und erleben. Wir unterstellen ihnen Absicht, doch meistens ist es gar nicht so absichtlich, wie wir glauben. Häufig ist es sogar vollkommen unabsichtlich. Der einzige Grund, warum es dann doch zum Streit kommt, liegt an unserer heftigen Reaktion, die dann den anderen wiederum triggert.
Der Grund, warum wir diese Art von Streit nicht verarbeiten und für uns nutzen können, liegt in der Unterstellung, der andere mache das absichtlich und damit in der Schuldzuweisung. Wir sind überzeugt davon, dass sich der andere für uns ändern muss. Tatsächlich sind diese Konfrontationen eine Einladung an uns, unser verstecktes Trauma zu fühlen.