Falls du glaubst, ich wäre auf Krawall gebürstet, dann wirkt dieses Zitat sehr seltsam auf dich. Doch das ist nicht der Fall. Ich bin nicht auf Krawall aus. Meine Radikalität ist etwas anderes. Sie betrifft in allererster Linie mich selbst. Auch mit allen unangenehmen Konsequenzen.
Menschen schreiben mir immer wieder einmal, dass sie meine Radikalität bewundern. Sie vergessen dabei, dass wir die Radikalität der anderen nur so lange bewundern, bis wir selbst davon betroffen sind. Dann sind wir wirklich betroffen, auch im Sinne von berührt. Doch in den meisten Fällen ist das keine positive Berührung. Denn die Radikalität der anderen konfrontiert uns mit unseren eigenen Schatten.
Menschen sind manchmal erstaunt, dass ich Experimente mit ihnen mache. Und diejenigen, die davon betroffen sind, finden das durchaus unverschämt. Was sie dabei nicht verstehen: Wenn ich ein Experiment mit dir mache, mache ich immer auch eines mit mir. Außerdem lebe ich damit nur das, was ich dir auch empfehle: Einfach einmal anders reagieren, als es programmiert ist. Oder einmal die Wahrheit sagen. Manche empfinden es schon als radikal, wenn ich einmal keine vergünstigten Tickets anbiete.
Kongressveranstalter finden es seltsam, wenn ich sie frage, ob sie schon einmal etwas von mir geteilt haben, wenn sie mich so toll finden, wie sie in ihrer E-Mail behaupten. Wenn du das hörst, wirkt das auf dich vielleicht so, als würde ich zu mir stehen. Der Kongressveranstalter ist davon nur genervt. Der hätte gern, dass seine E-Mail, in der er mir Honig ums Maul schmiert, so funktioniert wie bei allen anderen auch. Die Menschen an ihren Taten statt an ihren Worten zu messen ist eben schon radikal. Menschen abzusagen, die es gewohnt sind, günstigere Tickets für Online-Retreats zu bekommen, wird ebenfalls als unhöflich und sogar unverschämt empfunden. Und das nur, weil sie sich Hoffnung gemacht haben.
Radikalität hört sich in der Theorie schön an. Die meisten Menschen fühlen sich auch zu ihr hingezogen, aber nicht stark genug, um sie selbst zu leben. Zumindest denken sie das. Denn in der Erzählung von anderen verbinden sie mit Radikalität ein Gefühl der Befreiung. Und das stimmt auch. Denn derjenige, der die Radikalität lebt und hinterher davon erzählt, ist tatsächlich befreit. Er erzählt aber nur selten von dem Gefühl, das er hatte, als er radikal war, sein wollte oder sein musste. In diesem Moment fühlt es sich nämlich überhaupt nicht gut an, ganz im Gegenteil. Das ist ein Gefühl, das du nicht haben willst.
Ganz egal, welches Thema es betrifft, ob du absagst, um zu dir zu stehen, ob du die Aussagen der anderen einmal in der Realität überprüfst oder ob du jemandem einmal deine Meinung sagst. Das sind alles keine Situationen, die du bei dir bewunderst. Du bewunderst sie nur bei den anderen, wenn sie darüber berichten, wenn du nicht betroffen bist. Und zwar weder als jemand, der radikal ist, noch als derjenige, der diese Radikalität erleben muss.
Radikal zu sein ist nicht extrem oder gewalttätig zu sein. Radikal zu sein bedeutet auch nicht zu lügen oder seltsame Spielchen spielen. Radikal zu sein bedeutet authentisch zu sein. Und je radikaler du bist, desto mehr Menschen fühlen sich erst einmal von dir abgestoßen. Das Ganze ist kein Kindergeburtstag und du kannst es nur bewundern, solange du nicht beteiligt bist. Gleichzeitig ist Radikalität die größte Transformationsmöglichkeit. Es gibt nichts, was dir mehr helfen kann. Allerdings nur, wenn du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen und davon betroffen zu sein.