Du kannst dein Leben lang von allem Möglichen und Unmöglichen überzeugt sein. Es braucht nur eine einzige Erfahrung. Und diese Überzeugung bricht in sich zusammen, als hätte sie nie existiert. Das ist der Grund, warum ich dazu rate, mit Überzeugungen vorsichtig umzugehen. Du kannst sie dir sehr leicht einfangen, aber du wirst sie mangels entsprechender Erfahrung sehr schlecht los. Schließlich kannst du nicht in jedem Bereich, in dem du eine Überzeugung hast, eine entsprechende Erfahrung machen.
Das ist auch das Problem unserer sogenannten Informationsgesellschaft. Die Informationen, die übermittelt werden, ersetzen keine Erfahrung, führen aber sehr leicht zu Überzeugungen. Und je nachdem, welche Information du bekommen hast, bist du anschließend von irgendetwas sehr überzeugt. Menschen, die eine Erfahrung gemacht haben, müssen nicht überzeugt sein. Sie brauchen sogar überhaupt keine Überzeugung, weil jede Erfahrung Überzeugung ersetzt.
Es ist meine Erfahrung, nicht meine Überzeugung, dass Überzeugungen in dem Bereich, in dem du keine Erfahrung machen kannst, vollkommen wertlos und nutzlos sind. Überzeugungen sind generell nicht wirklich relevant, aber in dem Bereich, in dem du keine Erfahrung machen kannst, sind sie vollkommen überflüssig. Denn du wirst diese Überzeugung niemals überprüfen können, bist aber sehr überzeugt. Mit dieser Art von Überzeugung kannst du dich wunderbar streiten. Da kommen dann Menschen auf dich zu, die haben genau die gegenteilige Überzeugung, die sie aber auch nicht überprüfen können und ihr habt einen wunderbaren, aber vollkommen nutzlosen Streit.
Sobald du damit beginnst, deine Überzeugungen in deiner Erfahrungswelt zu überprüfen, wird es übrigens unfassbar interessant. Das ist ein echter Wendepunkt in deinem Leben. Denn entweder gelingt es dir, deine Überzeugung in deiner Erfahrung zu bestätigen, oder — und das ist viel häufiger der Fall — du merkst, dass es überhaupt nicht so einfach ist, wie du es dir vorgestellt hast, deine Überzeugung tatsächlich zu erleben.
Die meisten Menschen machen an dieser Stelle einen wesentlichen Fehler. Sie geben auf und fallen in ihre Überzeugung zurück. Eine Überzeugung, die sie durch ihre Erfahrung nicht bestätigen konnten. Wenn du deine Überzeugung nicht durch eine Erfahrung bestätigen kannst, dann ist die einzige Möglichkeit, die Überzeugung aufrechtzuerhalten, immer engstirniger zu werden.
All das ist nicht meine Überzeugung, sondern meine persönliche Erfahrung. Zugeben können, dass die Menschen nur dann, wenn sie im Frieden damit sind, wie sie sind oder waren. Solange sie diese Seite von sich verstecken wollen, werden sie sich lieber im Namen einer guten Außendarstellung selbst verleugnen. Dadurch belügen sie andere, vor allem aber sich selbst.
Wenn jemand für seine Überzeugung kämpft, dann kämpft er um das Überleben seines Ego. Er versucht sein Gesicht zu wahren, obwohl er bereits erkannt hat, dass es dieses Gesicht gar nicht gibt. Es ist ein Gesicht, das geprägt und aufgebaut ist aus Überzeugungen. All diese Überzeugungen machen diesen Menschen nicht aus. Er ist aber überzeugt davon, dass sie ihn ausmachen. Und das ist die schlimmste aller Überzeugungen.