Ich sehe unzählige Menschen, die an dieser Welt zerbrechen. Sie sind der Meinung, das liegt daran, dass die Welt so schlecht ist. Und sie sind überzeugt davon, dass ihr Mitleid Mitgefühl und Empathie sei. Mitleid ist aber kein Mitgefühl und keine Empathie, sondern projiziertes Leid. Was projiziertes Leid genau ist, erkläre ich dir in diesem Audioquickie.
Wir haben unabhängig von der aktuellen Welt Leid in uns gespeichert. Dieses Leid versuchen wir auszudrücken. Und wir drücken es aus, indem wir ihm mit Hilfe eines anderen Themas Raum in uns geben. Sobald es Raum in uns hat, sind wir überzeugt, wir leiden aufgrund dieses Themas. Wir können die Projektion nicht erkennen. Die Projektion ist: Dem Leid Raum geben, das wir in uns tragen.
Ich bezeichne das als Stellvertreter-Leid. Denn das Thema, das wir wählen, steht nur stellvertretend für das Leid, das wir in uns empfinden. Und mit Stellvertreter-Mitleid wollen wir der Welt in Form von Gutmenschentum zeigen, dass wir die besseren Menschen sind. All das machen wir nur, weil wir das Leid in uns nicht verarbeitet haben und unbewusst nach außen projizieren.
An der Welt zu zerbrechen und zu leiden und das nach außen zu zeigen, macht dich aber nicht zu einem besseren Menschen. Es macht dich zu einem unbewussten Menschen. Du weißt nicht, was du tust, glaubst aber, du tust das Richtige. Und du machst ja auch das Richtige. Jedes Kind möchte den Schmerz, den es in sich fühlt, der Welt zeigen. Das ist überhaupt nicht falsch. Doch die Reaktionen darauf sind meistens falsch, weil ablehnend. Das Kind wird in seinem Schmerz nicht gesehen und deshalb vergräbt es ihn tief in sich selbst. Wenn es dann erwachsen ist, kommt es eben in Form von scheinbar weltlichen Themen wieder an die Oberfläche.
Diejenigen, die das Leid sehr intensiv empfinden, sind am überzeugtesten davon, dass dieses Leid ausschließlich aufgrund der äußeren Umstände besteht. Sie glauben, sie leiden, weil die Menschen böse sind. Sie halten die Welt für krank und verkommen. Und sie halten sich für besonders sensibel, weil sie auf jedes Leid anspringen. Und es stimmt, wenn du auf jedes Leid anspringst, dann kannst du nicht mehr glücklich sein. Es stellt sich also die Frage: Warum springst du auf jedes Leid an und nicht auf jedes Glück? Und das liegt daran, weil du die Welt durch einen Leidfilter siehst.
Und es stimmt auch nicht ganz, was diese Menschen behaupten. Es gibt nämlich ganz viel Leid, von dem sie nichts mitbekommen. Entweder weil sie sich nicht damit beschäftigen oder weil es nicht kommuniziert wird. Ein Mensch, der sein Leid nicht kommuniziert, erscheint ihnen eben nicht als Leidender. Außerdem gibt es auf dieser Welt mindestens genauso viel Glück wie Leid. Doch das fällt ihnen gar nicht auf. Entweder können sie es gar nicht sehen und deshalb nicht wahrnehmen. Oder es wird sofort von ihrem leidenden Filter überdeckt.
Deshalb erleben sie die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie sind. Und deshalb sehen sie die Welt pessimistisch und depressiv. Aus ihrer Sicht macht das alles vollkommen Sinn. Und es macht auch für unseren Geist und unsere Psyche Sinn. Wir wollen in unserem Schmerz gesehen werden. Auch dann, wenn es den anderen zu viel wird. Auch dann, wenn die anderen von unserem Schmerz überfordert sind.
Und überfordert sind wir natürlich deshalb, weil wir selbst auch alle einen Schmerz in uns tragen, mit dem wir nicht gesehen werden.