Die meisten Menschen bekommen die geheuchelte Bestürzung nicht mit, weil sie selbst bestürzt sind. Und selbst wenn die Bestürzung nicht geheuchelt, sondern echt ist, hat sie überhaupt keinen Wert und keine Konsequenzen. Die Konsequenzen gibt es immer nur für die gesamte Gesellschaft, nie für die Verantwortlichen. Denn die haben es ja so weit kommen lassen oder sogar noch gefördert. Selbst wenn sie das nicht absichtlich getan haben, so waren sie zumindest blauäugig. Und dafür bekommen jetzt nicht nur sie die Quittung. Und das ist genau der Grund dafür, warum ein Staat immer dysfunktional ist.
Wenn du ausschließlich für dich selbst verantwortlich bist und einen Fehler machst, weil du blauäugig bist, dann lernst du etwas für dich. Wenn du aber einen Fehler machst, während du für viele verantwortlich bist, dann lernst du nichts beziehungsweise nur, wie du dich in großen Systemen verhalten musst. Du lernst deinen Posten zu sichern, nur um weiterhin scheinbar Verantwortung für andere übernehmen zu können. Und da das nicht geht, baust du weiter Mist. Du kommst gar nicht zu der Erkenntnis, dass du für andere keine Verantwortung übernehmen kannst. Du versuchst das Spiel nur so zu spielen, dass du im Spiel bleibst.
Es ist ziemlich egal, ob die Menschen in mächtigen Positionen dumm oder intelligent sind. Ob sie es also absichtlich machen oder ob sie einfach versagen. Für beides gibt es gute Argumente. Entscheidend ist, dass man hinterher nichts wiedergutmachen kann. Vor zwei Tagen hat sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident für das Versagen des Staates bei der Flut im Ahrtal entschuldigt. Er selbst war damals aber gar nicht im Amt. Er hat also nicht einmal Verantwortung übernommen, die er nicht übernehmen kann und übernimmt dafür jetzt die Verantwortung. Das ist so absurd, dass die Menschen vor Lachen oder Weinen eigentlich vor dem Fernseher zusammenbrechen müssten. Doch viele finden es gut, dass er sich entschuldigt hat.
Seine Entschuldigung hat natürlich wie immer keinerlei Konsequenzen. Und wenn, dann höchstens für die Steuergelder, die dir abgenommen wurden. Es hat keine Konsequenz für ihn und keine Konsequenz für seine Vorgänger, die tatsächlich versagt haben. Und so bleibt die Übernahme von Verantwortung für andere ein ziemlich bescheuertes Spiel, bei dem alle verlieren. Die Verantwortlichen, weil sie nichts lernen und die Betroffenen, weil sie keine Verantwortung übernehmen. Sie wollen und dürfen es nicht. Und wenn sie es versuchen, dann ist es ein endloser Kampf gegen bürokratische Windmühlen.
Auch jetzt, nach dem Anschlag, hoffen Menschen auf einen politischen Wandel in Deutschland. Andere haben riesengroße künstliche Angst davor. Und niemand sagt ihnen, dass es scheißegal ist. Die Politik wird immer gleich bleiben und sie handelt nie zugunsten des Volkes. Der Staat ist die größte existierende Religion und in einer Religion geht es nie um die Menschen, sondern immer um den Machterhalt.