Fühlst du auch, dass sie dir alle Suggestivfragen stellen? "Fühlst du das auch?" ist eine solche Suggestivfrage. Und diese Suggestivfragen kommen unfassbar gut an. Wenn du diese Suggestivfrage dann noch mit etwas verbindest, was Hoffnung macht, dann hast du schon gewonnen, dann hast du sie um den kleinen Finger gewickelt. Und zwar sowohl die Hoffnungsvollen als auch die Hoffnungslosen. Denn die Hoffnungslosen sind gar nicht hoffnungslos. Sie brauchen nur eine Suggestivfrage, um wieder zu hoffen.
Wenn du die Menschen fragst, ob sie das auch fühlen, dann neigen viele dazu, "Ja" zu sagen, obwohl sie das überhaupt nicht gefühlt haben. Bis du sie gefragt hast. Und als du sie gefragt hast, haben sie kurz darüber nachgedacht und dann "Ja" gesagt. Tatsächlich haben sie es gar nicht gefühlt, aber deine Frage klang irgendwie positiv und so, als hättest du Ahnung davon. Wenn ich dich frage, ob du das auch fühlst, muss ich es ja schon einmal fühlen. Und wenn ich es fühle, dann muss ich schließlich Bescheid wissen.
Noch verrückter wird es, wenn du dir das Thema anschaust. Das, was du auch fühlen sollst. Zum Beispiel den Wandel, die Veränderung oder den Aufstieg. Jetzt einmal ganz ehrlich und nur unter uns: Wie lange fragen sie dich das schon? Wie lange suggerieren sie dir Veränderung? Und auch ganz ehrlich: Wie oft bist du darauf hereingefallen?
Wandel, Veränderung und Aufstieg sind keine Gefühle. Es sind Behauptungen. Und bei genauer Betrachtung ist es sogar genau das Gegenteil. Den meisten Wandel, die meiste Veränderung bekommen wir überhaupt nicht mit. Das liegt daran, dass viele Veränderungen so langsam sind, dass du sie nur erkennst, wenn du den Anfangs- und den Endzustand vergleichst.
Je nachdem, wo du politisch stehst, hätte ich da ein populäres beziehungsweise ein unpopuläres Beispiel dafür. Einen Bevölkerungsaustausch merken die meisten erst, wenn er schon vorbei ist. Und jetzt kommt etwas sehr Verrücktes: Mit dem hast du vielleicht gar nicht mehr gerechnet. Das war jetzt auch suggestiv.
In der Spiritualität ist es genauso. Deshalb kannst du mit Spiritualität keinen Wandel, keine Veränderung und keinen Aufstieg herbeimeditieren. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen haben die meisten Menschen kein Erwachens- oder Erleuchtungserlebnis. Und trotzdem verändert sich etwas bei ihnen durch spirituelle Praxis. Das funktioniert aber nur, wenn du deine spirituelle Praxis nicht ständig änderst und nicht so schnell wechselst wie andere ihre Unterhosen.
Das verrückteste Paradox ist Folgendes: Der Wandel braucht Konstanz. Echter Wandel geschieht nicht an einem Abend. Echter Wandel geschieht nicht in einem Onlinekurs. Er geschieht auch nicht durch eine Suggestivfrage. Und er geschieht auch dann nicht, wenn sich das, was die Lehrer und Coaches in ihren Zoom-Meetings vom Wandel und vom Aufstieg berichten, total gut anfühlt. Es ist Verführung auf höchstem Niveau und es ist das, was die Massen begeistert. Deutschland hat genau die spirituellen Stars, die es verdient hat.
Wir lieben Suggestivfragen, weil wir es lieben, verführt zu werden. Und wir werden verführt, weil wir es gerne schnell hätten. Schnelle Veränderungen, schnellen Wandel, schnellen Aufstieg. Und diese Schnelligkeit wird uns seit Ewigkeiten verkauft. Das ist so wunderbar absurd und so wunderbar widersprüchlich, dass man es nicht mehr verdrängen kann, wenn man es einmal erkannt hat.