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    26.6.2026AQ 3136
    »Spirituelles Stellvertretersyndrom.«
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    Ganz besonders beliebt unter Spirituellen ist die Idee, dass jeder alles schaffen kann. Vor allem das, was ein anderer geschafft hat. Gerade eben habe ich wieder einmal einen derart dummen Satz gelesen zu diesem Thema, der nicht nur grundlegend falsch ist, sondern dich auch fehlleitet. Er kommt von Seom. Und er sagt: "An alle Träumer da draußen: Die Kraft des Lebens wird dich zu unfassbaren Situationen führen, wenn du weitergehst und weitervertraust und an dich glaubst."

    Und er sagt das aufgrund seines eigenen Aufstiegs. Wenn er früher seine Alben präsentiert hat, dann kamen 30 Menschen und jetzt macht er große Konzerte für seine Albumspräsentation. Da gibt es für mich nichts zu kritisieren. Auch ich habe schon mit ihm zusammengearbeitet. Deshalb weiß ich, wie hart er arbeitet. Was ich kritisiere, ist, dass er so tut, als wäre alles leicht und als könnte das jeder schaffen.

    Das ist nicht die Wahrheit, gibt dir aber das Gefühl, als könnte es so sein. Außerdem verkauft es Tickets, denn es gibt den Teilnehmern die Illusion, ein Teil davon zu sein. Und so vom Erfolg partizipieren zu können oder sogar zu seinem Erfolg beizutragen und dadurch irgendwie ein Anrecht auf eigenen Erfolg zu erwerben.

    Was dir da verkauft wird, stimmt nicht. Und es stimmt nicht einmal im Leben von Seom. Seom hat nicht immer vertraut und an sich geglaubt. Er hat einfach weitergemacht. Man könnte auch sagen: "Er ist ein sturer Bock." Und das ist gar nicht böse gemeint. Er hat sich einfach geweigert, aufzugeben. Und ich verstehe nicht, warum er versucht, seine Geschichte so zu verkaufen, als könnte das jeder erreichen und als wäre es ein Sonntagsspaziergang. Beides ist nicht wahr.

    Doch in der spirituellen Szene hat man sich irgendwie darauf geeinigt, dass die Worte, die positiv klingen und Leichtigkeit versprechen, die einzigen Worte sind, die verwendet werden dürfen. Und dadurch verändern sich auch die Geschichten. Von einer kleinen Verfälschung bis hin zur Lüge. Und du kennst das aus deinem eigenen Leben. Wenn du obenauf bist, ist alles positiv. Und das, worüber du vor wenigen Tagen oder Wochen noch gejammert hast, ist vergessen oder zumindest überhaupt kein Problem mehr.

    Ganz im Gegenteil: Hinterher machst du eine Heldengeschichte aus deinem eigenen Leid. Und genau das passiert hier auch. Wenn du dann aber wieder am Tiefpunkt bist, dann bringt dir dein vorheriger Höhepunkt überhaupt nichts mehr. Du bist trotzdem verzweifelt und depressiv. Du kannst dir von der vorherigen Geschichte nichts mehr kaufen. So geht es uns allen. Es gibt keine Ausnahmen. Aber es gibt jene, die nur eine Seite zeigen und auf die sind wir dann neidisch. Wir glauben, sie haben es besser.

    Auch wenn es ein Automatismus ist, halte ich es für falsch, was da in der spirituellen Szene erzählt beziehungsweise eben auch nicht erzählt wird. Sie klammern die schmerzhaften Gefühle aus und tun so, als könntest du das vollkommen schmerzfrei selbst erreichen. Noch dümmer dabei ist, dass sie dir den absolut falschen Hinweis geben. Sie sagen dir, du sollst weiterträumen. Der Traum war aber nicht Kern ihres eigenen Handelns. Der Kern ihres Handelns war, dass sie einfach weitergemacht haben. Sie waren stoisch und stur.

    Und die Geschichte, die sie dir hinterher erzählen, sorgt nur dafür, dass du es dir für dich auch vorstellen kannst, weil Träumen keine große Anstrengung ist. Doch tatsächlich ist es harte Arbeit. Harte Arbeit, während du depressiv und verzweifelt bist. Und der innerste Kern davon ist: Du weigerst dich, aufzugeben.