Solange du dir selbst einreden musst, dass du ruhig bist und dass du ruhig bleibst, obwohl andere sich aufregen, bist du nicht spirituell, sondern überheblich. Denn die Ruhe entspringt dir nicht natürlich, du nimmst nur die Aufregung der anderen zum Anlass, deine Pseudoruhe zu demonstrieren. Ich habe gestern ein Video gesehen, mit dessen Hilfe ich Pseudospiritualität, die tatsächlich Überheblichkeit ist, endlich erklären kann.
In diesem Video fährt jemand im Auto und hinter ihm regt sich eine ältere Frau furchtbar auf. Er filmt diese Frau, schaut dann selbst in die Kamera und lächelt süffisant. Währenddessen sagt eine Stimme: "Ich bin dankbar. Ich bin dankbar für diesen Moment. Nicht weil er perfekt ist, sondern weil er meiner ist. Die Eile eines anderen ist nicht mein Notfall. Ich muss nicht auf die Energie der anderen reagieren. Ich muss meine Geschwindigkeit nicht verteidigen. Ich bin genau dort, wo ich sein sollte und bewege mich in der Geschwindigkeit meines Vorhabens. Die Stürme der anderen Menschen müssen nicht mein Wetter werden. Ich bin dankbar für den Frieden, den ich gewählt habe. Ich bin dankbar, dass ich die Zustimmung der anderen nicht mehr brauche, um mich sicher zu fühlen. Ich bin dankbar." Währenddessen grinst er süffisant in die Kamera, weil er ja über dem Wutanfall der älteren Frau steht.
Das ist die Form der unangenehmsten Spiritualität, weil sie gespielt und geheuchelt ist. Das Video trägt den Titel "Kompletter Zusammenbruch". Wenn du wirklich über den Dingen stehst, dann bekommst du den kompletten Zusammenbruch der Dame hinter dir im Auto gar nicht mit. Du musst sie dann auch nicht süffisant belächeln und du musst keinen Text über diese Bilder sprechen, die wie Selbsthypnose klingen. Diejenigen, die das machen, hätten gerne, dass es so ist, aber es ist nicht so. Wenn es so ist, hast du es überhaupt nicht nötig, dich zu inszenieren. Du musst anderen nicht zeigen, wie ruhig du im Vergleich zu denen bist, die gerade ausflippen, als wärst du noch nie ausgeflippt und als würden diese Selbstgespräche irgendetwas bringen.
Für mich ist das die schlimmste Form von Pseudospiritualität. Menschen, die krampfhaft versuchen, ihre Spiritualität zur Schau zu stellen. Und Menschen, die sich einen Zustand so lange einreden, bis sie selbst daran glauben, dass sie ihn erreicht hätten. In Gesellschaft von Pseudospirituellen kommt das gut an, weil kein Pseudospiritueller den Fake des anderen Pseudospirituellen aufdecken kann. Würde er das tun, wäre seine eigene Pseudospiritualität hochgradig gefährdet. Und so reden sich alle gegenseitig nach dem Mund. Niemand will versagen und alle wollen es geschafft haben.
Das ist ein wunderbares spirituelles Ego, aber nicht die gelebte Realität. Vor allem aber ist es kein lebendiges Beispiel. Es ist keine praktisch gelebte Spiritualität, sondern theoretisch gelebte Spiritualität. Es ist Spiritualität, die nach außen gerichtet ist statt nach innen. Und das ist kein Vorbild, sondern ein schlechtes Beispiel.