Das Problem ist nicht die Erziehungsmethode selbst. Das Problem ist auch nicht, ob Kindern etwas erlaubt oder verboten wird. Das Problem sind Eltern, die sich nicht an ihre eigene Kindheit erinnern können. Eltern, die nicht die Sicht des Kindes einnehmen können, haben bei der Erziehung schon versagt, bevor sie damit begonnen haben.
Es geht nicht darum, dem Kind alles zu erlauben oder alles zu verbieten. Es geht darum, ob du das Kind verstehst. Alle Erziehungsratgeber werden aus der Perspektive von Erwachsenen geschrieben, die sich nicht in die Kinder hineinversetzen können. Ein Kind will weder alles erlaubt noch alles verboten bekommen. Ein Kind will verstanden werden und es will einbezogen werden. Es will ein Teil von dem werden und sein, der aktuell vieles besser weiß und besser kann. Und es will seine Welt mit denen teilen, die ihre Welt mit ihm teilen.
Erziehung ist kein Problem von Regeln. Erziehung ist eine Frage der Verbindung und der Achtung. Wenn Kinder so behandelt werden, als wären sie etwas, das man verwalten müsste, dann verlieren sie in erster Linie nicht den Bezug und die Liebe zu ihren Eltern, sondern zu sich selbst. Sie beginnen sich selbst nicht mehr zu verstehen und dadurch verlieren sie die Orientierung. Eine strikte Vorgabe der Orientierung durch die Eltern kann diesen Bezugsverlust durch sich selbst nicht ausgleichen. Denn wenn die Orientierung ausschließlich von außen kommt und innen nicht mehr gefunden werden kann, dann kann sie auch durch äußere Maßnahmen nicht mehr hergestellt werden. Orientierung ist immer ein innerer Weg. Wenn dieser unterbrochen wird, scheitert man auch außen.
Die Voraussetzung für ein gutes Verhältnis zu den Kindern und eine gelungene Erziehung durch die Eltern ist die Fähigkeit der Eltern, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern. Wenn sie das nicht können und wenn das Verhältnis zu den Kindern bereits gestört ist, dann ist die Erinnerung an die eigene Kindheit die schnellste Heilungsmöglichkeit. Kein Erziehungskonzept und keine Erziehungsstrategie vermag das zu leisten, was die Erinnerung der Eltern an die eigene Kindheit leisten kann.
Kein Vater und keine Mutter, die sich an ihre eigene Kindheit erinnern können, müssen sich Erziehungsregeln auswendig merken. Denn die Erinnerung an die eigene Kindheit heilt die Beziehung zu den eigenen Kindern.