Das häufigste Argument für Herrschaft ist die Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Logik der meisten: Je mehr Herrschaft, desto mehr Ordnung. Und die meisten glauben, dass Chaos durch mehr Herrschaft beseitigt werden könnte. Da stellt sich dann die ganz einfache Frage: Wie viel Herrschaft ist denn notwendig für Ordnung? Oder könnte es sein, dass Ordnung und Herrschaft gar nicht miteinander verbunden sind?
Herrschaftsgläubigen und obrigkeitshörigen Menschen zufolge müsste Chaos durch Herrschaft verschwinden. Je mehr Herrschaft, desto weniger Chaos. Dabei vergessen sie, dass Chaos für Herrscher nicht nur hilfreich, sondern ihre Existenzgrundlage ist. Gäbe es kein Chaos mehr, könnten sie ihre Herrschaft nicht mehr rechtfertigen. Ob die Herrscher das realisieren oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Sie müssen von ihrem Wesen her ja irgendetwas regeln wollen. Das heißt, sie fühlen sich dazu berufen, einzugreifen. Und Eingriffe kann man am besten damit begründen, dass man etwas in Ordnung bringt.
Also muss vorher Chaos herrschen. Es herrscht aber gar kein Chaos. Es herrscht überhaupt nichts. Es gibt eine natürliche Ordnung und diese Ordnung muss ignoriert werden, damit Herrschaft begründbar und möglich ist. Es muss behauptet werden, die natürliche Ordnung sei Chaos. Dann muss die natürliche Ordnung eingeschränkt werden und es muss echtes Chaos organisiert werden. Ich unterstelle dabei niemandem eine Absicht. Das kann alles vollkommen unbewusst passieren. Es ist für das Ergebnis auch vollkommen egal, ob es absichtlich oder unabsichtlich geschieht.
Chaos wird geschaffen, damit Herrschaft begründet werden kann. Denn ohne Chaos ist Herrschaft nicht möglich. Oft geht es sogar noch einen Schritt weiter. Es wird dir Angst gemacht vor dem Zustand der Herrschaftslosigkeit. Es wird so getan, als wäre es ohne Herrschaft unfassbar gefährlich. Dabei existieren diese Gefahren mit Herrschaft auch. Es wird aber so getan, als wäre ein durch Menschen ordnendes Prinzip allem anderen überlegen.
Durch Menschen kommen aber immer nur Eingriffe in die Ordnung, weil das ordnende Prinzip bereits ohne Menschen existiert. Das, was wir ohne Menschen bereits vorfinden, als Chaos zu bezeichnen, ist nichts anderes als vollkommene, abartige Überheblichkeit. Und genau die wird uns eingetrichtert, weil Herrschaft ohne diese Überheblichkeit nicht möglich ist. Unsere Überheblichkeit sorgt also dafür, dass wir beherrscht werden können. Wir sorgen also auf gewisse Art und Weise selbst dafür.
Chaos wird durch Herrschaft nicht beseitigt, sondern erzeugt. Chaos ist die treibende Kraft von Herrschaft. Das kannst du dir im Großen und im Kleinen anschauen. Die Herrschaft der Politiker über die Bevölkerung sorgt bei den Menschen genauso für Chaos wie die Herrschaft der Eltern über die Kinder. Herrschaft wirkt verwirrend, irritierend und verstörend, weil sie der uns innewohnenden natürlichen Ordnung widerspricht.
Die Herrscher wirst du los, indem du die natürliche Ordnung in dir wiederfindest. Sie lösen sich dann nicht in Luft auf, aber sie werden unbedeutend für dich.