Heute möchte ich über eine der schwierigsten Gratwanderungen eines spirituellen Lehrers sprechen. Ich habe dafür spannende eigene Beispiele und auch interessante Beispiele von anderen. Es geht um eine ganz einfache Frage: Soll man als spiritueller Lehrer Privates erzählen oder nicht? Wenn du mich aus den Retreats kennst, dann weißt du, dass ich dazu neige, eigene Beispiele zu erwähnen. Es ist dabei interessant zu sehen, wie diese Beispiele ankommen.
Positive Beispiele kommen in der Regel sehr gut an. Also wenn ich zum Beispiel davon erzähle, wie es ist, bei mir zu arbeiten. Die negativen Beispiele kommen dagegen nicht so gut an. Also wenn ich zum Beispiel davon erzähle, was meine Mitarbeiter falsch gemacht haben. Und für diese beiden Reaktionen finde ich immer wieder nur einen einzigen Grund: Diejenigen, die zuhören, versetzen sich in die Rolle desjenigen, um den es geht. Und dann ist die Reaktion vollkommen normal und sehr leicht zu erklären. Wenn etwas Positives berichtet wird, fühlst du dich gut. Und wenn etwas Negatives berichtet wird, fühlst du dich betroffen.
Ich habe dazu ein lustiges Beispiel von Laura Seiler. Sie hat vor einiger Zeit einen Podcast gemacht, in dem sie ihren Freund vorgestellt hat, mit dem sie über Beziehung sprechen wollte. Das hat sie auch getan und ich habe mich die ganze Zeit gefragt: "Wo ist der Mann, mit dem sie zwei Kinder hat?" Und ohne dass sie es erwähnt hat, war plötzlich klar: Sie hat sich getrennt. Sie berichtet von ihrer neuen Liebe, also vom Positiven, aber von der vorher notwendigen Trennung, also vom Negativen, berichtet sie nicht.
Ich finde das einseitig und auch unehrlich. Es wird ja niemand gezwungen, über Privates öffentlich zu sprechen. Aber wenn man nur über die positiven Seiten spricht, dann wird etwas verfälscht. Und das kannst du bei vielen Spirituellen beobachten: Sie wollen nicht mehr negativ sein, weil sie meinen, zu wissen, ist gleich, sie haben Angst davor, dass es negative Auswirkungen haben könnte, wenn sie darüber sprechen. Gleichzeitig überhöhen sie das Positive und neigen dazu, es viel bedeutender darzustellen, als es tatsächlich ist.
Wenn du glaubst, Spiritualität würde dadurch entstehen, dass du Negatives nicht mehr erwähnst, obwohl du es erlebt hast, dann muss ich dich enttäuschen. Nur weil du scheinbar Negatives ignorierst oder verdrängst, bist du oder wirst du dadurch nicht spirituell. Was bei Menschen in der Öffentlichkeit viel eher der Fall ist: Sie vermeiden es, über Negatives zu sprechen, weil sie Angst haben, dafür verurteilt zu werden oder weil sie sich um ihr Bild in der Öffentlichkeit Gedanken machen. Leider und dummerweise liegen sie damit ja auch gar nicht so falsch, denn der menschliche Verstand neigt dazu, einen spirituellen Lehrer geringzuschätzen, sobald er seine Fehler kennt.
Die Gratwanderung ist also gar nicht: Spreche ich über Privates oder nicht? Die Gratwanderung ist: Opfere ich meine Wirkung für Authentizität? Denn genau das geschieht sehr oft bei den Schülern. So toll sie den authentischen Lehrer finden, so sehr lässt seine Wirkung bei ihnen nach. Von denen, die nicht seine Schüler sind, ganz zu schweigen. Über die brauchen wir gar nicht reden. Die finden Authentizität zwar angeblich gut, aber sobald sie mit ihr konfrontiert sind, stimmt das überhaupt nicht mehr.
Um von einem spirituellen Lehrer und seiner Weisheit profitieren zu können, muss man sein Ego erniedrigen. Und das klingt für das Ego furchtbar! Es will nicht erniedrigt werden und es versichert dir glaubhaft, dass du und es selbst identisch sind. Es behauptet, seine Erniedrigung sei auch deine. Und tatsächlich ist seine Erniedrigung deine Erhöhung.