Viele gehen davon aus, dass du deine Trauer zulassen sollst. Sie sind der Meinung, du solltest dich verletzlich zeigen. Als ob deine Gefühle etwas mit anderen zu tun hätten und als ob es ein Zeichen von Stärke oder Selbstbewusstsein sei, dich vor anderen so zu zeigen. Traurigkeit ist genau wie alle anderen Gefühle nur für dich. Und sie ist der Beginn des Wandels und der Heilung.
Denn sie ist als Erstes ein Zeichen von Erkenntnis. Wenn dich etwas traurig stimmt, dann hast du etwas erkannt. Und wenn du etwas erkennst, ist das der Beginn der Veränderung. Wenn du die Traurigkeit dann auch noch zulässt — und zwar nicht vor den anderen, sondern vor dir selbst — dann ist sie auch der Beginn deiner Heilung.
Traurigkeit liegt unter allen anderen negativen Gefühlen. Denn im ersten Schritt sind wir nicht verzweifelt, wütend, ängstlich, genervt, überfordert, gestresst oder beleidigt. Wir sind traurig, was von uns gefordert wird und was uns angetan wird. Erst wenn wir für uns anerkennen, dass uns das traurig macht und erst wenn wir diese Trauer auch fühlen können, beginnt unsere Veränderung und unsere Heilung. Sie kommt nicht durch Zeremonien oder Drogen in unser Leben. Sie kommt durch Erkenntnis.
Erkenntnis allein genügt aber nicht. Wir müssen auch bereit sein, das zu fühlen, wofür diese Erkenntnis sorgt. Denn das fühlt sich in den seltensten Fällen angenehm an und weil es sich unangenehm anfühlt, haben wir es unser Leben lang verdrängt. Wenn wir es das erste Mal wahrnehmen, geht es nicht darum, Gefühle vor anderen zu zeigen. Es geht darum, sie uns selbst gegenüber einzugestehen und sie vor allem nicht zu verurteilen. Das Ergebnis davon ist dann irgendwann, dass du auch vor anderen weinen kannst. Aber das ist nur eine Begleiterscheinung.
Wer glaubt, so etwas sei das Ziel, hat sich gewaltig verirrt oder noch nie wirklich zurechtgefunden. Diese äußeren Ziele kannst du alle vergessen. Schließlich geht es um deine Heilung und nicht darum, wie die anderen das finden. Es geht also nicht darum, deine Trauer vor anderen zu zelebrieren. Es geht darum, sie für dich selbst zu genießen. Und sie ist tatsächlich ein Genuss. Was uns davon abhält, sie als Genuss zu empfinden, ist unser Widerstand dagegen.
Solange wir Trauer verurteilen, ist sie weder der Beginn des Wandels noch der Beginn unserer Heilung.