Bevor ich mit der Erklärung beginne, mir ist gerade etwas ganz anderes klar geworden. Alle, die mich nicht verstehen, weil sie sich mit mir nicht verbunden fühlen, müssen zumindest mit dem Stilmittel der Übertreibung klarkommen. Sie müssten verstehen, dass Übertreibung eine Möglichkeit ist, auf etwas hinzuweisen. Und das, obwohl ich es gar nicht absichtlich einsetze. Das heutige Zitat weist darauf hin, dass wir andere härter beurteilen als uns selbst. Wir fühlen uns auf irgendeine Art und Weise verletzt von ihnen und nehmen das zum Anlass, sie hart zu verurteilen.
Wenn wir ähnliche Züge bei uns selbst entdecken, finden wir eine gute und logische Begründung dafür. Dementsprechend kennen wir viele, die Probleme mit Narzissten haben, aber kaum jemanden, der ein Narzisst ist und damit ein Problem hat. Komischerweise verstehen auch das die meisten Menschen nicht, denn sie denken: "Na ja, der Narzisst hat ja auch kein Problem." Doch genau das ist der Trugschluss einer medizinischen Diagnose. Du wirst psychologisch und psychiatrisch nur dann diagnostiziert, wenn du selbst ein Problem damit hast. Alles andere fällt in den Bereich der Hobbypsychologie und wenn es für dich hilfreich ist, zu erkennen, dass dein Partner ein Narzisst ist, dann kannst du das ja auch machen. Wirklich hilfreich wäre es, deine Resonanz auf diesen Narzissten zu untersuchen.
Wenn wir es mit einem Tyrannen zu tun haben, dann versuchen wir ihn loszuwerden oder zumindest alle anderen darüber zu informieren, was für ein schrecklicher Tyrann er ist. Dabei merken wir gar nicht, wie wir andere durch einfache Begriffe entmenschlichen und damit auch sämtliche Verantwortung und Resonanz unsererseits ablehnen. Die Welt ist böse und wir haben damit überhaupt nichts zu tun. Das ist im besten Fall naiv und meistens illusorisch. Wenn wir die Welt und die Reaktion der Welt auf uns generell ablehnen, wie wollen wir uns dann in ihr zurechtfinden? Das bedeutet nicht, dass wir alles ertragen müssen, aber wir können es als Entwicklungsprozess sehen. Und im Lauf der Zeit können wir in uns die Anteile sehen, die wir früher nur in der Welt gesehen haben. Wenn wir es dann auch noch schaffen, diese Anteile in uns nicht zu verurteilen, dann verurteilen wir sie auch in der Welt nicht mehr.
Bei dieser Entwicklung steht uns natürlich unser Ego im Weg. Es will nicht klein beigeben. Es meint, sich durchsetzen zu müssen, als hätte es ihm jemals geholfen. Und nur falls du jetzt einen falschen Eindruck bekommen hast und meinst, es würde auf Selbstgeißelung hinauslaufen: Du kannst Tyrannen auch einfach ignorieren. Und du kannst auch den Tyrannen in dir einfach ignorieren. Du musst ihn weder an dir noch an anderen ausleben und du musst die Tyrannei von anderen auch nicht ertragen.
Das ist der Bereich, in dem sich die meisten Menschen sehr schwer tun. Denn es geht selten um die Tyrannen in der großen, weiten Welt, sondern meistens um die Tyrannen im engsten Umfeld. Und genau dort trauen sie sich nicht, den Kontakt abzubrechen. Stattdessen beschweren sie sich lieber ein Leben lang über die Tyrannei der anderen und behaupten selbst, sie würden aus Fürsorge bleiben.