Sie wünschen sich, dass ihre neue Überzeugung stimmt. Es ist aber nur eine neue Überzeugung, kein eigenes Erleben. Wäre es tatsächlich ein eigenes Erleben, würden sie nicht so reagieren, wie sie reagieren. Sie bräuchten sich nicht verteidigen und sie müssten andere Meinungen nicht angreifen. Tatsächlich übernehmen sie einfach nur eine neue Glaubensrichtung, eine neue Programmierung. Sie ändern nichts außer den Inhalt. Ihr gesamtes Ego, das komplette Konstrukt ihres Egos, bleibt exakt identisch.
Wenn man noch keine echte Veränderung erlebt hat, dann hält man die Veränderung der Inhalte für eine große Veränderung. Und im Verhältnis dazu, dass viele Menschen die Inhalte einfach ihr gesamtes Leben lang beibehalten, ist es auch eine große Veränderung. Doch im Verhältnis zur Spiritualität, die eine sehr große Veränderung ist, ist es tatsächlich keine Veränderung.
Noch verrückter wird es, wenn selbst die Menschen, die eine große Veränderung, also eine spirituelle Veränderung erfahren haben, in ihrem programmierten Verhalten keine Veränderung zeigen. Es gibt sogenannte Erwachte und sogenannte Erleuchtete, die behaupten, eine besondere Erfahrung gemacht zu haben. Sie sagen auch, dass sie Jahre gebraucht haben, um diese Erfahrung zu integrieren. Und wenn du die dann triffst und mit ihnen Kontakt hast, dann hast du das Gefühl, es mit einem ganz normalen Idioten zu tun zu haben. Mit ganz normalen, zickigen und bissigen Menschen.
Du könntest jetzt denken: "Dem Stefan kann man es halt nicht recht machen", aber ich möchte auf einige wesentliche Aspekte hinweisen, die den meisten durch die Lappen gehen. Der erste ist: Spirituelle Inhalte sind keine Spiritualität. Der zweite ist: Eine spirituelle Erfahrung führt auch nicht unbedingt zu Spiritualität. Der dritte ist: Spiritualität bedeutet nicht unbedingt, dass du ein angenehmer Mensch bist. Ich treffe Menschen, die ihre Spiritualität nicht vor sich herschieben. Sehr wahrscheinlich wissen sie gar nichts von ihr. Aber es sind einfach angenehme Menschen.
Die Art und Weise, wie spirituelle Menschen getriggert sind und wie sie dann reagieren, zeigt, wie wenig spirituell sie sind. Sie können nicht an sich halten. Sie müssen ihr Glaubenskonstrukt verteidigen, weil sie die Inhalte nicht aufgeben wollen. Sie wollen nichts Neues hören und sie wollen vor allem keine von ihrem Glauben abweichende Erfahrung machen. Ihr neuer Glaube hat einfach ihre alten Dogmen ersetzt und deshalb wollen sie den jetzt auch verteidigen. Sie wollen diesen Glauben sogar dann verteidigen, wenn sie überhaupt nicht persönlich angesprochen sind.
Da braucht nur jemand in ihre Timeline rutschen, der scheinbar etwas anderes sagt, als sie glauben. Und darauf springen sie an, als wären sie von der Tarantel gestochen. Sie können ihre eigene Psychologie überhaupt nicht begreifen, meinen aber die Psychologie aller anderen erklären zu können. Vor allem dann, wenn es um die psychischen Ursachen von Krankheiten geht. All das, ohne es jemals selbst erlebt, geschweige denn selbst erfolgreich angewendet zu haben. Sie zitieren Bücher und die Meinung anderer genauso wie sonst auch.
Sie haben überhaupt keinen persönlichen Bezug zum Thema, nur einen programmierten Bezug. Diejenigen, die tatsächlich einen persönlichen Bezug haben, fühlen sich überhaupt nicht angesprochen. Denn sie wissen, was sie erreicht haben und sie wissen, was bei ihnen funktioniert hat. Das müssen sie nicht verteidigen, weil es kein Glaube ist. Es ist ihre Erfahrung, die ihnen niemand nehmen kann. Über diese Erfahrung müssen sie auch nicht diskutieren, denn diese Diskussionen sind Perlen vor die Säue.
Wenn dein Gegenüber weder willens noch in der Lage ist, seine eigene Perspektive erst einmal aufzugeben, kannst du ihm nichts Neues zeigen. Und solange jemand nichts Neues aufnehmen kann, ist er maximal neu programmiert, aber niemals deprogrammiert.