Die Angst vor dem Leiden geht dem Leid voraus. Und damit leidest du durch Angst bereits an dem, wovor du Angst hast. Um diesen unabsichtlichen, aber auch überflüssigen Teufelskreis zu durchbrechen, musst du zwei Gefühle untersuchen: die Angst und das Leid.
Beides ist sehr trickreich zu untersuchen, denn beide Gefühle sind in den meisten Fällen keine Gefühle, sondern Gedanken. Die Angst ist häufig gar nicht als Körperempfindung anwesend, sondern ein Gedanke über die ungewisse Zukunft. Da die Zukunft immer ungewiss ist, kannst du zumindest in Gedanken immer eine gut begründete Angst haben. Erst wenn du im Körper fühlst, ist es tatsächlich Angst. Vorher ist es ein Gedanke an die Zukunft.
Leid entsteht immer durch Gedanken. Frei von Gedanken ist Leid entweder Schmerz oder gar nichts. Alles, was du direkt wahrnimmst, ist kein Gedanke mehr. Und sobald es kein Gedanke mehr ist, kann dich dein Verstand damit auch nicht mehr quälen. Leid kann sowohl der Widerstand gegen den Schmerz als auch der Widerstand gegen einen damit verbundenen Gedanken sein. Unser Leid ist also darin begründet, dass wir weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle beobachten können.
Die Beobachtung und die Akzeptanz dessen, was ist, ist der Schlüssel zur Spiritualität. Ob es sich dann verändert und wie es sich verändert, liegt nicht in unserer Hand. Das ist ein Abenteuer. Deshalb ist jeder, der dir sagen möchte, wie es anschließend wird, ein Feind von Abenteuern und damit ein Zerstörer deines Abenteuers. Er ist ein Kontrolleur, weil er dein Leben kontrollieren will und damit natürlich auch seines. Es hat noch nie einen Menschen gegeben, der dir etwas antut, das er vorher nicht sich selbst angetan hat. Das gilt auch dann, wenn du oder er selbst es überhaupt nicht merkt.
Zurück zum Leid: Fürchte dich nicht vor dem, was kommen könnte. Vor dem, was bereits ist, kannst du dich nicht mehr fürchten. Und wenn das, was jetzt gerade ist, unangenehm ist, entsteht Leid trotzdem durch eine Idee an die Zukunft. Du denkst darüber nach, was aus dem jetzigen Zustand entstehen könnte. Diese Gedanken sind nicht hilfreich und erzeugen Leid lange, bevor der Schmerz hier ist.
Schmerzen zu fühlen ist kein Leid, sondern Heilung. Heilung unseres verrückten Verstandes, der in die Zukunft interpretiert. Es ist eine der härtesten Übungen, aber auch eine der hilfreichsten Übungen, die es gibt.