Derzeit wollen alle dein Nervensystem beruhigen. Das ist ein netter Versuch, funktioniert aber nicht. Und ich erkläre dir das heute aus meiner eigenen langjährigen Praxis. Also komplett ohne Theorie und ohne Wunschdenken. Und nicht weil ich irgendetwas anbieten möchte, sondern weil ich es gemeistert habe, ohne dass es mir klar war. Ob du es "Unruhe", "Stress" oder "Druck" nennst, ist dabei vollkommen egal. Es ist ein Gefühl in deinem Körper, meistens begleitet von einem Gedanken und einem dazugehörigen Namen. "Unruhe", "Druck" und "Stress" ist bereits der Name. Der Gedanke, von dem das begleitet wird, der aber meistens unbewusst ist, ist: "Es sollte anders sein." Ohne diesen grundlegenden Gedanken wären alle Folgegedanken überflüssig.
"Mein Nervensystem sollte sich beruhigen" existiert als Gedanke nur dann, wenn die Unruhe, der Druck und der Stress, der jetzt als Körperempfindung hier ist, nicht erwünscht ist. So tief kommen wir mit unseren Gedanken aber oft nicht, denn die erste Gedankenebene ist: "Ich muss das fertig bekommen. Ich muss schneller werden." Oder auch: "Was passiert, wenn ich das nicht schaffe?" Und weil diese Gedanken wiederum Druck und Angst auslösen, sind wir nicht bereit, sie zu untersuchen oder besser noch herauszufordern. Doch genau das habe ich getan. Ich habe vor 20 Jahren begonnen, diese Gedanken herauszufordern. Ich habe sie sowohl mit meiner erlebten Realität konfrontiert als auch absichtlich das getan, was ihnen überhaupt nicht recht war. Ich habe also das getan, was sie vermeiden wollten.
Ich habe meine Körperempfindung wahrgenommen, bevor ich irgendetwas getan habe und ich habe meine Körperempfindung wahrgenommen, nachdem ich absichtlich das getan habe, was meine Gedanken vermeiden wollten. Das Ergebnis war keine sofortige Beruhigung meines Nervensystems, teilweise ganz im Gegenteil. Oft habe ich noch mehr Druck im Körper gefühlt. Nach jahrelanger Übung war das Ergebnis nicht unbedingt weniger Druck, sondern die Fähigkeit, den Druck wahrzunehmen. Und im Verlauf von vielen Jahren habe ich irgendwann gemerkt, dass da kein Druck mehr ist. In erster Linie waren da aber vor allem keine Gedanken mehr. Und falls Gedanken aufgetaucht sind, konnte ich sie ignorieren. Ich konnte erkennen, dass sie nicht die Wahrheit sagen.
Das war keine rationale Erkenntnis. Ich wusste das aus praktischer Erfahrung. Ich konnte sehen, dass meine Gedanken lügen, weil ich etwas anderes erlebt habe als das, wovor sie mir Angst gemacht haben. Und erlebt habe ich zum Beispiel, dass ich mit der Arbeit nie fertig werde. Dadurch habe ich erkannt, dass es darum auch gar nicht geht, denn ich will ja tätig sein. Ich will etwas tun. "Den ganzen Tag auf der Couch liegen" ist für mich überhaupt nicht angenehm. Ich würde es nur gerne ohne Druck machen. Und statt mein Nervensystem zu beruhigen, sollte ich es erst einmal wahrnehmen.
Ich hatte dann sogar Mitarbeiter, die ein Problem damit hatten, dass es einen riesengroßen Berg an Arbeit gibt. Und all meine Erklärungen haben ihnen nichts geholfen, weil es nicht um die Erklärungen geht, weder um meine mir selbst gegenüber noch um meine dir gegenüber und auch nicht um deine dir gegenüber. Es geht ausschließlich um meine gelebte Praxis und um deine gelebte Praxis. Und bei der gelebten Praxis helfen dir Gedanken nicht. Ich versuche dir mit meinen Gedanken nur etwas zu vermitteln, was überhaupt nicht vermittelbar ist.
Wenn dir jemand von einer Achterbahnfahrt berichtet, dann hast du es nicht gefühlt. Wenn du Achterbahn fährst, weißt du ganz genau, was gemeint ist. Und deshalb funktioniert sowohl in der Therapie als auch in der Spiritualität und in der Esoterik so vieles überhaupt nicht oder nur sehr gering. Wir wollen immer eine Garantie, dass es funktioniert. Und genau deshalb funktioniert es nicht. Unser Wunsch nach Garantie verhindert, dass wir es bedingungslos ausprobieren.
Meine Arbeit ist nicht frei von Druck und Stress, aber ich habe kaum Gedanken dazu. Und seitdem ich kaum Gedanken dazu habe, fügt sich alles auf wunderbare Art und Weise. Im Vergleich zu vielen anderen stelle ich das aber nicht an erste Stelle. Ich weiß, dass es verlockend klingt und ich weiß, dass Menschen damit verführbarer sind. Ich weiß auch, dass ich mehr verkaufen würde, wenn ich dieses Ergebnis versprechen würde. Ich weiß aber auch, dass es so nicht funktioniert. Und ich weiß das aus eigener Erfahrung.
Ich weiß, dass an allererster Stelle die Arbeit steht, die eigene innere Arbeit in der gelebten Praxis. Alles andere ist eine Folgeerscheinung, sogar die Beruhigung deines Nervensystems.