Der Zwang zur Solidarität zerstört sie. Denn Zwang fühlt sich nicht gut an und Zwang erzeugt Mangel. Noch nicht einmal unbedingt tatsächlich, aber gefühlt. Denn du hast keine Wahl. Du kannst nicht entscheiden, wem du hilfst und du kannst auch nicht entscheiden, wie du hilfst. Im gefühlten Mangel stellt sich dir eher die Frage: "Was ist für mich drin?" In der gefühlten Fülle stellt sich eher die Frage: "Wie kann ich sinnvoll helfen?"
Das Thema von Solidarität geht aber weit über das Materielle und sinnvolle Hilfe hinaus. Erwartete oder erzwungene Solidarität wird als Waffe im Kampf der Meinungen eingesetzt. Diese Waffe ist den meisten Menschen vollkommen unbewusst. Sie wissen nur, mit wem sie momentan solidarisch sein müssen. Dabei sind sie es gar nicht. Ihre Solidarität ist nur ein Gedanke. Von dem sind sie aber so überzeugt, dass sie keinerlei Abweichung davon dulden. Entsprechend unsolidarisch sind sie mit all jenen, die ihre aktuelle Solidarität nicht unterstützen, was ja auch nur bedeutet, dass sie anderer Meinung sind.
Menschen, die Zwang befürworten, können Freiheit nicht verstehen. Freiheit bedeutet nicht, dass man eine Leck-mich-am-Arsch-Haltung hat. Freiheit bedeutet auch nicht, dass man unsolidarisch ist oder nicht hilft. Freiheit bedeutet, dass man seine Solidarität und seine Hilfe jeden Moment neu wählen kann. Der Mensch ist nicht das Monster, das dem Weltbild all derjenigen zugrundeliegt, die Zwang befürworten. Dieses Monster wird er erst durch Zwang und selbst dann ist er es nicht bewusst und nicht absichtlich, sondern vollkommen unbewusst.
Ein Mensch, der Freiheit und Fülle fühlt und lebt, freut sich, wenn er helfen kann. Er orientiert seine Solidarität aber nicht an der gängigen Meinung. Er orientiert sich nicht am neuesten Trend und er orientiert sich auch nicht daran, was man unterstützen oder nicht unterstützen darf. Er orientiert sich im Moment an dem, was jetzt hier ist. Und er ist bereit, dass sich das ändert.
Außerdem nutzt er Solidarität nicht, um bei anderen gut dazustehen und gut angesehen zu sein. Er nutzt Solidarität, um sein Ego zu zerstören. Nicht durch einen Kampf, sondern mit Hingabe. Er möchte sich weder hervortun noch andere belehren, was sie zu tun haben. Er macht also genau das nicht, was alle anderen machen, die Zwang befürworten. Er geht genau gegen den Zwang in sich vor, den alle anderen ausleben. Und genau deshalb versteht ihn kaum jemand.
Menschen, die in ihren eigenen Zwängen gefangen sind und deshalb andere zwingen wollen, können es kaum aushalten, wenn sie gelebte Freiheit sehen. Und um genau diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, leben sie lieber mit Zwang und fordern von anderen Solidarität, unter der sie selbst leiden.