Die Frage nach der Abgrenzung ist eine der klassischen spirituellen Fragen: "Wann ist es mein Ego und wann sollte ich mich abgrenzen?" Solange du denkst: "Genug ist genug!", oder "Jetzt reicht es aber endgültig!", ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich dein Ego abgrenzen will. Denn diese Gedanken denkst du, weil die ausgelösten Gefühle sehr, sehr stark sind. Und diese Gefühle will unser Ego, unser Verstand verdrängen. Die wollen wir nicht fühlen.
Es gibt auch andere Situationen, in denen du dich abgrenzt, sprich "Nein" sagst. Und ich bin mir sicher, dass du sie kennst. Da bist du vorher bereit, alle Gefühle zu fühlen oder du fühlst gar keine Gefühle mehr. Du hast sie so oft gefühlt, dass du entweder mit ihnen sein kannst oder dass sie gar nicht mehr auftreten. Dann ist deine Abgrenzung keine Abgrenzung aus dem Ego. Denn je mehr du das Gefühl fühlst, desto mehr Klarheit hast du.
Wenn du das Gefühl nicht fühlst, bist du tatsächlich total unklar, doch der Verstand will diese Unklarheit durch eine Ansage verdrängen. Er will auf den Tisch hauen und dadurch deiner eigenen Verwirrung ein Ende setzen. Er tritt also als Ersatz für das auf, was du herausfindest, wenn du es bewusst erlebst. Er möchte diese Klarheit aber viel schneller, als sie zu dir kommt, wenn du alles bewusst erleben musst. Bewusstes Erleben ist für ihn verschwendete Lebenszeit. Und deshalb versuchen sich alle abzugrenzen, bevor sie die ausgelösten Gefühle gefühlt haben. Denn genau diese Gefühle wollen wir lieber verdrängen, als uns ihnen auszusetzen.
Wir sind deshalb auch der Meinung, dass die anderen diese Gefühle auslösen und vor allem für diese Gefühle verantwortlich sind. Würden wir erkennen, dass diese Gefühle tatsächlich in uns sind und mit der jeweiligen Situation nur bedingt etwas zu tun haben, könnte unser Ego gar nicht mehr so leicht Abgrenzung fordern. Denn dann wäre uns ja plötzlich klar, dass wir eine Abgrenzung von unseren Gefühlen und gar nicht von den anderen fordern.
So wird jeder Kontakt, wird jede Beziehung zu einer spirituellen Übung. Nicht so, wie es gerade Mode ist, indem wir jedem, der uns nervt, Licht und Liebe schicken, sondern indem wir die Ursache für unser Genervtsein in uns entdecken. Das Genervtsein muss dann auch nicht weggemacht werden und wir müssen uns auch nicht mehr abgrenzen, weil wir es nicht mehr verdrängen müssen. Wir haben es als das erkannt, was es ist: eine Irritation in uns.
Das ist Klarheit. Und aus dieser Klarheit kann dann auch echte Abgrenzung entstehen.