Daraus ergibt sich logischerweise, dass ein spiritueller Lehrer weder bestimmen noch herrschen will. Er kann sich das noch nicht einmal vorstellen, weil nur die Vorstellung allem widerstrebt, was er lehrt. Jede echte höhere Autorität existiert nur, weil und wenn du sie anerkennst. Sie existiert nicht, weil die höhere Autorität unbedingt existieren will. Ein Lehrer, den du nicht anerkennst, weil du ihn gewählt hast, hat keinen Wert. Etwas Höheres, das in Demut und Hingabe von dir selbst erkannt wird, ist kein neuer Herrscher.
Als ich meinen Lehrer getroffen habe, floss Anarchie aus jeder einzelnen Pore seines Seins. Durch diese Unfähigkeit, über mich bestimmen zu wollen, konnte ich ihn vollkommen annehmen. Die Autorität ergab sich für mich nicht durch eine neue Form der Herrschaft. Seine Autorität ergab sich für mich, weil er lebt, was er lehrt.
Dieses praktische Beispiel ist die ultimative Autorität. Das ist eine Form der Autorität, die die meisten nicht gewohnt sind und die sie auch gar nicht so bezeichnen würden. Denn Autorität ist bei uns verständlicherweise meistens negativ behaftet. Wir kennen einfach zu viele negative Beispiele. Wir erleben immer wieder, dass uns etwas Höheres von außen oktroyiert wird. Es wird für uns bestimmt, was etwas Höheres ist. Deshalb kennen wir den Prozess der Selbstauswahl in diesem Bereich überhaupt nicht. Es beginnt damit, dass wir damit überhaupt keine Erfahrung haben und es uns deshalb auch überhaupt nicht zutrauen. Das geht so weit, dass viele von uns sogar darauf warten, etwas oder jemanden vorgesetzt zu bekommen. Wir verlangen sogar danach.
Wer diesen Prozess der Selbstauswahl nie erlebt hat und deshalb weiterhin im Widerstand mit etwas Höherem ist, ist nicht zu beneiden. Denn entgegen seiner Annahme ist dieser Prozess unfassbar schön. Denn dort, wo keiner herrschen will, aber trotzdem gibt, entsteht ein natürlicher Sog. Und Natur ist immer Anarchie. Umgekehrt ist ein erzwungenes höheres Selbst, an das du glauben musst, weil es dir gesagt wird, immer ein neuer Herrscher.
Deshalb kann echte Spiritualität niemals hierarchisch sein. Und wenn du dich für die natürliche Ordnung, also Anarchie, interessierst, wird daraus automatisch immer ein spiritueller Weg. Und wenn du wirklich frei von Herrschaft bist, wirst du etwas Höheres erkennen, etwas Höheres, von dem du ein Teil bist. Das funktioniert aber nur, wenn du Anarchie wirklich lebst, statt nur darüber nachzudenken.
Theoretische Anarchie ist wie theoretische Spiritualität. Beides existiert nicht. Alles über Anarchie zu wissen, bringt dir gar nichts. Theoretisch zu wissen, wie es funktioniert, hat keinen Wert. Du musst es leben. Im Rahmen deiner Möglichkeiten und entsprechend der Umstände. Dann sind Anarchie und Spiritualität untrennbar miteinander verbunden.