Die Fähigkeit der Abwägung ist eine Pseudofähigkeit. Es ist der Verstand, der sich aufspielt, als könnte er alles bedenken. Er kann es aber nicht und wenn, dann nur theoretisch. Du kannst also nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn jeder das macht, was du machen möchtest. Außerdem will ja nicht jeder das machen, was du machen möchtest. Trotzdem bin ich mir sicher, dass du genau dieses Argument deines Verstandes oder des Verstandes der anderen sehr gut kennst.
Das Gegenteil dieses Argumentes ist: "Aber wenn das außer mir keiner macht." Dieses Argument ist genauso dumm wie das andere. Ja, es kann sein, dass es außer dir niemand macht. Dann macht es aber immerhin einer. Nämlich du. Die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich außer dir keiner macht, ist aber genauso gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass es gemeinsam mit dir alle machen. Wir bekommen manchmal den Eindruck, als wäre eines von beidem der Fall. Alle machen das Gleiche wie wir oder nur wir machen das. Es stimmt aber niemals.
Und selbst wenn du weit und breit der Einzige bist, der etwas macht, dann gibt es irgendwo irgendjemand, der etwas Ähnliches macht. Ihr seid nur so wenige, dass ihr euch nicht über den Weg lauft und deshalb nicht kennt. Dieser eine Gedanke "Aber wenn das jeder macht" hält unzählige Menschen davon ab, das zu tun, was sie tun möchten. Es ist ein Satz, der sie in ihrer Programmierung gefangen hält. Es ist ein Satz, der durch und durch notwendig für ein System ist. Denn wenn jeder denkt: "Aber wenn das jeder macht" und sich von diesem Satz abhalten lässt, dann macht es tatsächlich niemand.
Dieser Satz ist ein Ausdruck für die Spaltung unseres Verstandes. Denn auf der einen Seite wünschen wir uns in Bereichen, in denen es schwierig bis vielleicht sogar unmöglich ist, die ganze Zeit Bewegungen. Und falls wir uns dann tatsächlich einmal bewegen, haben wir Angst vor genau dieser Bewegung, einer Bewegung, die gar nicht so schnell entstehen würde. Erst einmal müssten wir mit gutem Beispiel vorangehen. Stattdessen lassen wir uns mit diesem Satz ein schlechtes Gewissen machen.
Ganz besonders gut funktioniert das im ökologischen Bereich. Und das sogar, obwohl wir gar nicht wissen, wie die Ökologie tatsächlich funktioniert. Es wurde uns nur gesagt, welche Verhaltensweisen angeblich negative Auswirkungen auf unsere Umwelt haben. Zum Beispiel soll ja Fliegen ganz besonders schlecht sein. Tatsächlich könnte es sein, dass es sogar die umweltfreundlichste Fortbewegungsmethode ist. Aber genau das können wir im Rahmen unserer Programmierung überhaupt nicht mehr zulassen. Wir identifizieren uns so stark mit den Geschichten, die uns erzählt wurden, dass wir die Geschichten lieber verteidigen, statt sie in Frage zu stellen.
Wir glauben, unsere Identität hinge von dieser Geschichte ab. Und das meinen wir nur deshalb, weil wir den Schmerz belogen worden zu sein, nicht fühlen wollen. Jede Identitätskrise hat nur damit zu tun. Entweder haben wir uns selbst belogen oder wir wurden belogen. Und weil wir selbst so viel in diese Lüge investiert haben, wollen wir nicht wahrhaben, dass es eine Lüge sein könnte. Wir haben uns mit dieser Lüge identifiziert und so sind wir jetzt ein Teil von ihr. Wir halten sie lieber aufrecht, als sie zu hinterfragen, weil das Hinterfragen unsere eigene Identität gefährdet.
Deshalb fragen wir uns auch lieber: "Was wäre, wenn das jeder macht?", statt "Was wäre, wenn ich einer Lüge geglaubt habe?" Und so bleiben wir gefangen in unseren eigenen Fragen, weil wir die Fragen, die uns befreien würden, nicht stellen. Wir stellen nur diejenigen Fragen, die uns gefangen halten.