Es gibt ein sehr eindeutiges Zeichen, dass du deine Berufung gefunden hast. Es ist so eindeutig, dass es sich die meisten gar nicht vorstellen können. Dieses Zeichen widerspricht so sehr deiner Programmierung, dass du es sehr wahrscheinlich für unmöglich hältst. Und dieses Zeichen ist: Du denkst nicht mehr an deine Rente. Du denkst nicht daran, du strebst sie nicht an, du machst dir keine Gedanken, du machst dir keine Sorgen. Du willst das, was du tust, gar nicht beenden. Und das drückt sich natürlich in weiteren Zeichen aus. Du denkst nicht an den Feierabend. Du denkst nicht ans Wochenende. Und du denkst nicht an deinen Urlaub.
Das bedeutet nicht, dass du die ganze Zeit arbeitest. Es bedeutet, dass du dir dein Leben so eingerichtet hast, dass du nicht ans Aufhören denkst. In einem allerletzten Schritt und das ist dann das eindeutigste Zeichen, dass du deine Berufung lebst, verschwinden die Grenzen zwischen Freizeit, Arbeit und Alltag. Auch das liegt nicht daran, dass du ein Workaholic geworden bist, obwohl das möglich ist. Es liegt daran, dass Arbeit für dich nicht mehr das ist, was es einmal war. All das kannst du nicht künstlich herbeiführen. Es ergibt sich oder auch nicht.
Ich kann dir auch verraten, dass die meisten, die behaupten, sie würden ihre Berufung leben, es nicht tun. Zumindest nicht so, dass sie frei sind von dem Druck und dem Stress, den sie schon immer hatten, wenn sie gearbeitet haben. Ich kann dir das übrigens auch gar nicht unbedingt empfehlen, anzustreben, deine Berufung zu leben. Denn die Form, von der ich dir gerade berichtet habe, erfordert alles von dir. Du musst bereit sein, alles und jeden gehen zu lassen. Manchmal kann das notwendig sein, weil du sehr schnell sehr erfolgreich wirst. In den meisten Fällen wirst du aber erst einmal unerfolgreich.
Du musst so radikal dabei sein, deiner Freude zu folgen, dass dein gesamtes Umfeld dabei durchdreht. Du musst sämtliche materielle und sogar immaterielle Werte aufs Spiel setzen. Es gibt bei dieser ganzen Sache kein Netz und keinen doppelten Boden. Falls doch, ist das zwar schön für dich, aber es ist nicht echt. Und wenn es nicht echt ist, dann scheiterst du dabei. Wenn es aber echt ist, hast du irgendwann keine Angst mehr, radikal zu sein. Du hast keine Angst mehr vor Verlusten. Und du hast vor allem keine Angst mehr, das, was du jetzt gerade machst, für immer tun zu müssen.
Und diese Angst ist der einzige Grund, warum Menschen in Rente gehen wollen. Sie wollen es irgendwann nicht mehr tun müssen. Das ist eine fatale Art und Weise zu leben. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich der Meinung bin, jeder sollte produktiv sein, jeder sollte etwas erschaffen und jeder kann seine Erfüllung nur in der Arbeit finden. Es hat damit zu tun, dass die meisten Menschen denken, sie müssen arbeiten und auch nur deshalb arbeiten.
Wenn du denkst, du musst, aber in Wahrheit gar nicht willst, kannst du das, was du tust, nie genießen. Das bedeutet, dass du die ganzen Jahre deiner Arbeit übst, wie es geht, nicht zu genießen. Wenn du dann mit der Arbeit aufhörst und in Rente gehst, hast du nichts anderes geübt, als nicht zu genießen. Wie solltest du dann darauf vorbereitet sein, ab diesem Zeitpunkt genießen zu können?