Gerade durch die aktuellen Enthüllungen denken viele Menschen, es ginge um Erpressung. Dabei funktioniert das System viel besser. Und es ist einfach, wenn man es bei anderen sieht. Es wird unendlich viel schwieriger, es bei sich selbst zu sehen.
Das System ist das Ego. Und je höher du in der Hierarchie steigst, desto unausgesprochener werden die Abhängigkeiten. Das Ego verkleidet sich immer raffinierter. Es verschleiert seinen Weg. Niemand muss dir drohen oder dich erpressen, damit du im vorgesehenen Rahmen funktionierst. Das System, also dein Ego, steuert dich über Zuckerbrot und Peitsche. Und während viele Angst vor der Peitsche haben, verkennen sie, dass es über Zuckerbrot viel besser funktioniert.
Denn das Ego hat Angst vor Verlust. Angst vor finanziellem Verlust, Angst vor dem Verlust von Status und Ansehen, Angst vor dem Verlust von Einfluss und Macht. Es muss also in den meisten Fällen gar nicht erpresst werden, um im dafür vorgesehenen Rahmen zu funktionieren. Es genügt, wenn ihm der Entzug der scheinbaren Vorteile droht. Nichts trifft es so hart wie der Verlust von Bedeutung. Bedeutungsverlust ist die Achillesferse des Ego. Und genau darüber kann es exzellent gesteuert werden.
Menschen, die die Aufwärtsspirale in Sachen Bedeutung des Ego nicht erlebt haben, können nicht nachvollziehen, dass Erpressung meistens überflüssig ist. Denn das Ego erpresst dich immer von ganz alleine. Die Aufwärtsspirale des weltlichen Erfolgs beinhaltet meistens eine Abwärtsspirale deines Inneren. Denn die Versuchungen lauern überall.
Verrückterweise interpretieren viele das Böse in diese Versuchungen. Manche sprechen sogar vom Teufel persönlich. Dabei existiert es gar nicht, wenn du nicht darauf anspringst. Eine Versuchung ist eine Versuchung und nicht das Böse. Böse wird es erst, wenn du der Versuchung erliegst. Also ist es in dir und nicht in den anderen oder da draußen irgendwo. Es muss sich auch nirgendwo anders verstecken als in dir.
Deshalb werden wir nie zur Ruhe kommen, wenn wir bei den anderen schauen. Dort können wir das Böse eindeutig erkennen. Wir sehen, wenn andere der Versuchung erliegen. Und nur deshalb läuft dieses Spiel immer weiter. Weil wir nicht erkennen, dass wir selbst auch beteiligt sind. Wir erkennen nicht, dass dieser Mechanismus der Versuchung in uns existiert. Wir erkennen außerdem nicht, dass es nicht wichtig ist, zu erkennen, ob andere der Versuchung erlegen sind. Wir müssten es bei uns erkennen.
Es ist leicht, über andere zu urteilen, alles von außen zu betrachten und zu behaupten, diese Versuchungen seien ja gar nicht subtil. Sie sind doch vollkommen offensichtlich. Ja, für dich und von außen betrachtet. Doch für den, der eine weltliche Aufwärtsspirale hinter sich hat, kannst du es vielleicht gar nicht beurteilen, weil du das nie erlebt hast. Du urteilst also vollkommen naiv und aus deinem Mangel an eigener Erfahrung heraus, vor allem aber aus einem Mangel eigener Beobachtung deines Ego.
Würdest du dein Ego beobachten, könntest du die subtilen Abhängigkeiten auch in deinem eigenen Leben feststellen. Die Handlungen anderer Menschen wären damit vielleicht noch befremdlich. Der Mechanismus dahinter überhaupt nicht.