In unserem Sprachgebrauch gibt es in der Regel keinen großen Unterschied zwischen "absichtlich" und "bewusst". Beide Begriffe werden weitgehend synonym verwendet. Auch die Aussage "Du musst dir dessen doch bewusst sein" hat nichts mit unserem Bewusstsein zu tun. Außerdem werden all diese Aussagen meistens als Vorwurf verwendet. Und vorwurfsvoll kannst du überhaupt nicht über das Bewusstsein sprechen.
Bewusstsein hat auch nichts mit der Analyse des Verstandes zu tun. Unser Verstand ist auf Leid fokussiert. Deshalb produziert er es. Leid entsteht immer durch einen Streit mit der erlebten Wirklichkeit. Doch meistens wird diese Wirklichkeit überhaupt nicht erlebt. Wir analysieren sie schneller, als wir sie fühlen. Wir sind im Verstand gefangen. Dort gehören wir nicht hin. Wir gehören in unser Erleben. Nur dort können wir heilen. Zumindest besteht nur dort die Chance auf Heilung. Solange wir andere und auch uns selbst analysieren, besteht diese Chance nicht.
Viele Menschen glauben, wach oder erwacht zu sein, weil sie die Welt analysieren oder weil sie die Welt anders analysieren als früher. Tatsächlich ist das eine neue Stufe des Leids. Das ist kein Vorwurf, denn diese neue Stufe des Leids ist notwendig für Erkenntnis. Wir müssen sie aber für uns nutzen, statt gegen uns. Und wir dürfen vor allem uns selbst gegenüber nicht mit Vorwürfen arbeiten.
Solange wir der Überzeugung sind, wir wären hier, um die Welt zu verändern oder gar zu retten, sind wir selbst nicht zu retten. Doch genau dafür sind wir hier. Wir sind hier, um uns selbst zu retten. Damit retten wir im zweiten Schritt auch andere. Doch dieser zweite Schritt kommt sehr, sehr lange nach dem ersten. Er darf nicht unser Antrieb sein und er darf auch nicht frühzeitig erfolgen, sonst behindert er unsere Eigenrettung.
In der spirituellen Szene wird diese Eigenrettung oft als "Integration" beschrieben. Integration ist kein intellektueller Vorgang. Du kannst nichts integrieren, indem du es dir logisch erklärst. Aber du kannst es integrieren, indem du bereit bist, alles wahrzunehmen, was es in dir auslöst, indem du das tust, was du dir von anderen wünschst: mit deinem Schmerz gehalten werden.
Es spricht nichts dagegen, dass das andere auch tun und dir somit dabei helfen. Doch letztendlich musst du es für dich tun. Denn in dir ist niemand für dich da — außer dir. Dadurch fallen im Laufe der Zeit auch die Projektionen nach außen weg. Du erkennst alles als zu dir gehörig und es gehört auf genau die Art zu dir wie das Gefühl, das es in dir auslöst. Wer diesen Schritt nicht gehen möchte, kann nicht von Bewusstsein und Erwachen sprechen.
Ein neuer Fokus deines Verstandes ist kein Bewusstsein. Selbst dann nicht, wenn du diesen Fokus absichtlich wählst. Es gibt aber einen Fokus, der tatsächlich für Bewusstsein sorgt. Und das ist der Fokus weg vom Verstand hin zu deiner Körperempfindung.