Wenn Menschen erkennen, dass etwas schiefläuft, dann verdrängen sie, wie sie funktionieren oder wie sie funktioniert haben. Sie weisen dann die Möglichkeit, dass sie selbst so sein könnten, strikt von sich. Und das ist die Trennung. Sie denken, es sei die Trennung von der sogenannten Hölle. Es ist damit aber gleichzeitig auch die Trennung vom Himmel. Sie verstehen nicht, dass alles dazugehört.
Die Trennung sorgt für eine innere Abspaltung. "Ich könnte so etwas nicht. Ich würde so etwas nie tun. Niemals würde ich mitmachen." All das sind die Lügen, die dich abspalten. Um das zu erkennen, musst du nicht bereit sein, es zu tun. Aber du musst ehrlicherweise erkennen, dass es möglich wäre. Unter den richtigen falschen Umständen sind wir zu allem fähig. Und nur diejenigen, die das erkannt haben, sind zu tiefem Frieden fähig. Alle anderen werden immer im Krieg mit dem verdrängten Anteil sein.
Für mich ist diese Erkenntnis so selbstverständlich, dass ich sie meistens vergesse. Ich kann aber jederzeit wieder in sie eintauchen. Ich kann in das eintauchen, was ich früher erlebt habe und was ich dadurch erkannt habe. Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich gerne von einer Lüge profitiert. Und wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich auch verdrängt, dass es eine Lüge ist. Ich konnte es nicht. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht möglich ist.
Ich hatte Glück, dass ich es nicht konnte. Damals habe ich das als mein Pech interpretiert. Ich hätte gerne mitgemacht. Ich wäre gerne erfolgreich gewesen. Jetzt ist es manchmal so, dass ich lieber weniger erkennen würde. Ich würde die Lügen der spirituellen Szene lieber nicht aufdecken wollen. Ich hätte lieber keinen Blick hinter die Kulissen. Aber ich bekomme ihn unerhofft und ungefragt immer wieder. Und ich kann sehen, dass das heutige Zitat nicht nur auf die weltlichen Aspekte zutrifft, sondern eben besonders auch auf die Spiritualität.
Es gibt nur sehr wenige authentische spirituelle Lehrer. Zu viele profitieren von einer Lüge oder ihrer Einbildung. Ich sage das nicht unbedacht und leichtherzig oder um meinen Frust loszuwerden. Ich sage das, weil der Begriff "authentisch" missbraucht wird. Und ich sage das, weil ich immer wieder, meist unfreiwillig, hinter die Kulissen geführt werde. Menschen zeigen mir ihr wahres Gesicht. Im ganz normalen Kontakt. In Situationen, in denen es überhaupt nicht notwendig wäre.
Sie könnten auch mir gegenüber weiterhin ihre Lüge leben. Sie würden davon profitieren und ich auch. Denn ich müsste nicht die ganze Zeit darüber sprechen. Denn dann werde ich nicht ständig mit diesem unauflösbaren Widerspruch aus Anspruch und Realität konfrontiert. Und ich betone dabei gerne, dass ich nur Glück hatte. Ich hatte Glück, dass es nie funktioniert hat, wenn ich von einer Lüge profitieren wollte — ganz egal, wie sehr ich versucht habe zu verdrängen, dass es eine Lüge ist.
Früher wurde mir das negativ ausgelegt. Man hat mir erklärt, dass ich mit Menschen klarkommen muss. Und man hat mir gesagt, dass ich nicht immer alles offen und ehrlich an- und aussprechen muss. Ich durfte nicht einmal sagen, dass ein Lehrer, der am Nachmittag drei bis sechs Weizen trinkt, Alkoholiker sein könnte. Und genau so erlebe ich die spirituelle Szene mit jeder Menge Tabus. Tabus existieren immer dann, wenn eine Lüge gelebt wird. Wenn Menschen anders erscheinen wollen, als sie tatsächlich sind.
Anders erscheinen wollen sie immer nur, wenn sie scheinbar davon profitieren. Doch nichts ist eine derart große Lüge, wie den Schein zu wahren. Anfangs erscheint es schwierig, authentisch zu sein. Tatsächlich gibt es nichts Einfacheres. Bei einer Lüge musst du dir merken, was du gelogen hast und wie du gelogen hast. Es ist ein riesengroßer Aufwand, dir zu merken, die Geschichte richtig falsch zu erzählen.
Wenn du authentisch bist, musst du dir gar nichts merken. Vor allem nichts Falsches, nichts Erfundenes und nichts Gelogenes. Dein Leben wird sehr einfach. Und irgendwann, nach vielen Jahren wirst du von deiner Authentizität profitieren. Und zwar viel mehr, als du von einer Lüge jemals profitieren könntest.