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    5.1.2026AQ 2964
    »Wir brechen nicht den Willen der Kinder, sondern ihren Antrieb.«
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    Manche sagen, dass wir den Willen der Kinder brechen. Ein Wille setzt ein Ego voraus und Kinder haben kein Ego. Kinder haben einen Antrieb. Dieser Antrieb ist eng mit ihrer Intuition und ihrem Instinkt verbunden. Und dieser Antrieb hat keine rationale Logik. Kinder können nicht erklären, warum sie etwas machen wollen. Sie wissen aber sehr genau, dass sie etwas machen wollen und was das ist.

    Wir haben dagegen einen Willen und wir wollen nicht, dass die Kinder das machen, was ihrem Antrieb entspricht. Da wir diesen Antrieb nicht mehr kennen und nicht mehr haben, bezeichnen wir ihn als Willen und wir sind dann entsprechend der Meinung, dass die Kinder nicht immer ihren Willen durchsetzen können. Schließlich funktioniert das in der Welt der Erwachsenen auch nicht und deshalb müssen das die Kinder frühzeitig lernen. Damit setzen wir die Grundlage für alle negativen Begleiterscheinungen ihres späteren Erwachsenenlebens. Midlife Crisis, Burnout und Depression.

    Der Antrieb der Kinder hätte nämlich nicht dazu geführt, dass sie ständig ihren Willen durchsetzen und mit Ellbogen durchs Leben laufen. Er hätte dazu geführt, dass sie jederzeit wissen, was sie wollen. Aber nicht als Wille, sondern als Intuition. Da wir das nicht mehr wissen, bauen wir allen möglichen Scheiß. Wir wählen Berufe, die uns überhaupt nicht entsprechen. Wir integrieren uns auf eine Art und Weise in die Gesellschaft, die wir in Wahrheit gar nicht wollen. Wir tun alles, um anderen zu gefallen, statt zu wissen, was uns gut tut. Und diese Unfähigkeit übertragen wir auf unsere Kinder.

    Die meisten Eltern entgegnen mir bei diesem Thema, dass es sehr kompliziert und gefährlich wird, wenn man den Kindern alles durchgehen lässt. Wenn es tatsächlich gefährlich ist, musst du einschreiten. Ganz einfach. Für komplizierte Situationen sorgen meistens die Eltern, indem sie mit den Kindern streiten.

    Ein ganz einfaches Beispiel: Dein Kind will keine Schuhe anziehen. Es will aber rausgehen und draußen liegt Schnee. Natürlich weißt du jetzt schon, dass es das Kind nicht lange aushalten wird mit nackten Füßen im kalten Schnee. Und da dir das klar ist, willst du es gleich vorab erledigen. Einem Kind ist das nicht klar und wenn du alles für das Kind erledigst, dann lernt es nichts. Wenn du Kinder hast, dann weißt du das. Du weißt, dass es nichts bringt, zu sagen: "Heiß!" Das Kind weiß nicht, was das bedeutet. Und zwar genau so lange, bis es das erste Mal auf die Herdplatte gelangt hat. Ab diesem Zeitpunkt hat es eine sehr konkrete Erfahrung zu dem an sich bedeutungslosen Wort "heiß". Jetzt weiß es, was "heiß" heißt.

    Und genau so ist es, wenn das Kind barfuß in den Schnee gehen darf. Natürlich nimmst du die dicken Socken und die Winterschuhe mit. Aber erst einmal darf das Kind eine Erfahrung machen. So lernt es am schnellsten und am einfachsten. Und ja, es gibt ein paar Erfahrungen, die sollte das Kind nicht machen. Vor denen musst du es schützen und bewahren. Die meisten alltäglichen Erfahrungen sind jedoch nicht gefährlich, vor allem diejenigen nicht, über die wir mit unseren Kindern streiten. Und vieles, was wir im Streit behaupten, stimmt auch überhaupt nicht. Wir versuchen nur, den Kindern Angst zu machen, damit sie unserem Willen folgen.

    Und ja, es gibt noch einen wichtigen Punkt. Das Leben wird für uns teilweise sehr unpraktisch, weil die Kinder nicht so funktionieren, wie wir es gerne hätten. Und was wir grundsätzlich machen, ist, zu versuchen, die Kinder an unseren Alltag anzupassen, notfalls mit Zwang und Gewalt. Ich plädiere an dieser Stelle nicht für ein perfektes Leben oder die perfekte Erziehung. Wir werden auf jeden Fall scheitern. Aber statt zu versuchen, die Kinder an unseren Alltag anzupassen, könnten wir uns auch die Frage stellen, ob unser Alltag nicht passt?

    Vielleicht sind wir verrückt, dass wir mit Neugeborenen ins Eiscafe wollen. Vielleicht sind wir ziemlich durchgeknallt, dass wir Einjährige mit zum Einkaufen schleppen. Und vielleicht wollen unsere Zweijährigen gar nicht zu Oma und Opa, die alt sind und auch noch schlecht riechen. Vielleicht will ein Dreijähriger nicht zu Gleichaltrigen in den Kindergarten und vielleicht müssten deshalb wir unser Leben an das Leben der Kinder anpassen?

    Die meisten Menschen halten so etwas für eine unfassbar schlimme Aussage, weil das ja nicht geht. Tatsächlich wäre es in vielen Fällen unsere Rettung. Aber das können wir nicht erkennen, weil wir unseren Willen durchsetzen wollen.

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    Wille
    Intuition
    Antrieb