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    29.12.2025AQ 2957
    »Das Streben nach Macht ist bereits der Missbrauch.«
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    Wenn wir an Machtmissbrauch denken, dann denken wir, man könne seine Macht missbrauchen. Dabei ist bereits das, was zur Macht führt, der Machtmissbrauch. Das Machtstreben selbst beinhaltet den Missbrauch. Denn welchen Grund sollte es sonst geben, nach Macht zu streben? Es gibt nur wenige Menschen, die Macht haben und sie nicht missbrauchen. In Freiheit ist Macht vollkommen überflüssig. Es gibt aber nur wenig freie Menschen. Unsere Unfreiheit liegt aber nicht an den anderen, sondern an uns selbst und an den Machtstrukturen, in denen wir aufgewachsen sind.

    Unser größtes Problem ist dabei unser Glaube an die Macht. Wir glauben, dass Macht notwendig sei. Und wir glauben auch, dass ohne Machtausübung nichts funktionieren würde. Und das stimmt, weil wir es glauben. Unser größtes Problem im Zusammenhang mit Macht ist nicht Unterdrückung. Unser größtes Problem ist unsere Überzeugung, dass wir keine Wahl hätten.

    Ein ganz einfaches Beispiel: Du hast eine Ausbildung gemacht und bewirbst dich jetzt bei den Firmen, die Stellen für deinen Beruf ausgeschrieben haben. Du bekommst nur eine Zusage und du denkst jetzt, dass du dort anfangen musst. Du glaubst, du hättest keine andere Wahl. Der Job macht dir keinen Spaß. Die Kollegen sind nicht freundlich und der Chef übt seine Macht aus. Und das, obwohl er in Wahrheit gar keine hat. Er hat diese Macht über dich nur, weil du vollkommen überzeugt bist, dass es keine andere Möglichkeit für dich gibt.

    Selbst in einer Welt, die nur relativ frei ist, gibt es immer andere Möglichkeiten. Da wir aber jede Abweichung von der Norm als extrem werten, halten wir uns selbst in abhängigen Machtverhältnissen gefangen und wir gestalten die so, wie wir sie aus unserer Kindheit kennen. Denn das war ein relativ echtes Machtverhältnis. Denn wenn du mit vier oder sechs Jahren realisierst, dass diese Familie nichts für dich ist, dann hast du leider wenig Möglichkeiten. Dein Vater und deine Mutter werden also ihre Macht über dich ausüben. Und dabei geht es nicht darum, dass sie dich davon abhalten, bei Rot über die Straße zu gehen. Es geht um die unnötige Macht, die sie ausüben.

    Wenn du in derartigen Machtverhältnissen aufwächst, entwickelst du den Drang, selbst an die Position zu kommen, an der deine Eltern stehen. Du entwickelst ein Machtstreben. Dieses Streben entwickelst du aber nicht, weil du Macht willst, sondern weil du frei sein willst von Obrigkeit. Du willst, dass andere keine Macht mehr über dich haben. Und du glaubst, du könntest das erreichen, indem du in der Hierarchie aufsteigst. Dabei ist dir nicht klar, dass bei diesem Aufstieg die Macht der anderen über dich nicht abnimmt, sondern die Abhängigkeiten subtiler werden. Und so kämpfen viele darum, immer mächtiger zu werden und erkennen nicht, dass dieses Streben den Missbrauch deiner Kindheit fortsetzt.

    Durch die Machtausübung anderer über dich wird ein Same gepflanzt. Wenn er heranwächst und unbewusst bleibt, wird daraus eine Kopie der Muster der Mächtigen. Du kopierst die Menschen, die Macht über dich hatten und du glaubst, das wäre dein Streben nach Freiheit. Solange du dein Machtstreben nicht reflektierst, ist es immer missbräuchlich. Und wenn du es reflektierst, dann willst du es gar nicht mehr. Dann realisierst du, dass der Grund für dein Streben nach Macht immer nur dein Wunsch nach Freiheit war. Und diese Freiheit wird nie dadurch erreicht, dass du Macht über andere hast.

    Abhängigkeit
    Macht
    Freiheit