Man nennt das "Indoktrination" und in diesem Fall ist es die Indoktrination der jungen Menschen. Selbstverständlich sind nicht alle alten Menschen weise, denn auch sie sind indoktriniert. Mit dem Alter steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass man die Indoktrination erkennt. Deshalb steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Weisheit im Alter. Und damit diese Weisheit nicht auf die jungen Menschen übergehen kann, sagt man ihnen, dass die Alten böse sind.
Dadurch verunmöglicht man den Jungen, etwas von den Alten zu lernen. Das Lernen der Jungen von den Alten wird nicht dadurch verhindert, dass die Alten nichts zu geben hätten oder die Jungen lernunwillig sind. Es wird dadurch verhindert, dass man den Kontakt verhindert. Denn um etwas von jemandem lernen zu können, muss man ihm wohlgesonnen zugewandt sein. Beziehungsweise besser gesagt, wenn man wohlgesonnen zugewandt ist, ist man am aufnahmefähigsten. Die Aufnahmefähigkeit sinkt, je mehr man den anderen verurteilt.
Ein negatives Urteil steht dem Kontakt mit den Menschen im Weg. Dieser Mechanismus greift natürlich nicht nur bei den alten, sondern bei allen Menschen. Sobald man Menschen stigmatisiert, begrenzt man ihren Einfluss. Und das erreicht man, indem man diejenigen verändert, die etwas lernen könnten. Man verändert nicht diejenigen, die etwas zu geben haben. Das lässt sich nämlich nicht gut verändern. Menschen, die bereits viel Indoktrination erfahren haben, sind nicht mehr so leicht indoktrinierbar. Sie könnten und würden es dir sehr direkt sagen, was sie gelernt haben. Wenn du dafür aber nicht aufnahmefähig bist, dann gibt es keine Möglichkeit, dass es bei dir ankommt.
Die Barriere liegt also hauptsächlich bei den Schülern. Und diese Barriere wird am einfachsten durch Vorurteile aufgebaut. Diese Vorurteile haben nichts damit zu tun, ob das, was die Lehrer sagen, richtig oder falsch ist. Es sind Vorurteile, die die Aufnahmefähigkeit einschränken und die Annahme von neuen Sichtweisen verhindern. Nichts verhindert Lernen und Wissen so zuverlässig wie Vorurteile. In dem Maße, in dem Schubladendenken gefördert wird, wird auch der Wissenstransfer verhindert. Das ist die effektivste Form von Zensur. Es wird nicht das zensiert, was gesagt wird. Es wird derjenige zensiert, der aufnehmen könnte.
Niemand kann und muss diesen Mechanismus für die anderen durchbrechen. Aber jeder kann diesen Mechanismus für sich erkennen und bei sich verändern. Er hört einfach weiterhin zu — auch dann, wenn es wehtut und wenn er widersprechen will. Dabei bietet die Fähigkeit, die Gefühle als Körperempfindung wahrzunehmen, enorme Vorteile. Ohne diese Fähigkeit kannst du gar nicht erkennen, warum du widersprechen willst. Und ohne diese Fähigkeit wähnst du dich im Recht zu widersprechen. Du verstehst gar nicht, dass du die präsentierte Meinung nicht übernehmen musst. Du hältst die Meinung einfach für böse und bist damit der Indoktrination auf den Leim gegangen.