Von diesem Zitat gibt es noch eine Variante, die mir noch besser gefällt. Sie lautet: "Ein voller Magen predigt gerne vom Fasten." Diese Variante gefällt mir besser, da sie den Finger noch tiefer in die Wunde legt. Schau dir an, was die Leute predigen. Und dann schau, was sie leben. Schau genau hin, ob sie leben, was sie predigen. Etwas zu predigen ist leicht. Vor allem dann, wenn man es selbst nicht praktiziert.
Ein Beispiel, das mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist sogar aus dem Ernährungsbereich. Ein bekannter Rohköstler, der seine Leser durchaus auch mal beschimpft hat und ihnen zu wenig Durchhaltevermögen unterstellt hat, wurde dabei gefilmt, wie er in einer bayerischen Wirtschaft gutbürgerlich gegessen hat. Zu schimpfen und zu predigen ist einfach. Es selbst zu leben ist nicht einfach. Diejenigen, die dabei besonders aggressiv auftreten, sind vor allem deshalb so leidenschaftlich, weil sie Probleme haben, ihre eigene Lehre zu leben.
Jemand, der seine eigene Lehre lebt, muss nicht predigen. Er muss andere nicht überzeugen, weil er sich selbst nicht überzeugen muss. Er kennt seine Lehre aus der Praxis und ist ein lebendes Vorbild. Das war aber nie sein Ziel. Sein Ziel war immer, es zu leben, statt zu predigen. Die meisten Menschen haben das umgekehrte Ziel. Sie wollen predigen, bevor sie es leben. Sie sind so überzeugt von einem Thema, dass sie es predigen wollen, bevor sie es in der Praxis für sich selbst ausprobiert haben. Das ist natürlich verrückt und dabei kann nichts Gutes herauskommen. Es ist weder für die Prediger noch für deren Anhänger hilfreich. Denn die Prediger leben es nicht und die Anhänger erfahren nichts aus der Praxis. Sie erfahren nur etwas aus dem Emotionalkörper des Predigers. Davon aber jede Menge.
Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Wie kannst du einen theoretischen Prediger von einem Praktiker unterscheiden? In den meisten Fällen ist das sehr einfach. Wenn jemand aus eigener Erfahrung spricht, spricht er in der Regel auch von Fehlern und Rückschlägen. Außerdem ist er nicht mehr aufgeregt. Er will dich noch nicht einmal überzeugen. Selbst dann nicht, wenn er für sich überzeugt ist. Denn die Überzeugung aus praktischer Erfahrung ist eine vollkommen andere als theoretische Überzeugung.
Theoretische Überzeugung ist selbst eingeredet. Der Verstand findet irgendetwas ganz toll. Meistens, weil ihm die damit verbundenen Versprechen für die Zukunft sehr gut gefallen. Und wenn er von diesen Versprechen begeistert ist, dann dreht er total am Rad, noch bevor er es überhaupt versucht hat.
Ein Mensch, der vom Fasten predigt und ein Mensch, der fastet, sind zwei vollkommen unterschiedliche Menschen. Der fastende Mensch kann auch begeistert sein. Aber er ist begeistert von seiner eigenen Erfahrung. Der Prediger hat gar keine Erfahrung. Er ist also grundlos beziehungsweise nur mental begeistert.
Es gibt deshalb nichts Wichtigeres, als sich einen Praktiker als Lehrer zu suchen. Ein Lehrer, der viel gelesen hat, hat keinen großen Wert. Ein Lehrer, der nichts gelesen hat, aber alles, wovon er spricht, selbst erlebt hat, hat den größten Wert.
Da wir uns leicht täuschen lassen, ist die Gesellschaft und sind die sozialen Medien voll von Predigern. Wir hätten es gerne so, dass wir das perfekte Leben der anderen beobachten können. Dieses perfekte Leben ist immer eine Lüge. Es existiert einfach nicht. Und statt diesem perfekten Anschein hinterher zu jagen, ist es viel wertvoller, eine praktische Erfahrung zu machen und das Predigen in dieser Zeit einzustellen.