Wahre Herrschaft ist, Herr im eigenen Haus zu sein und deine Gedanken, Gelüste und Triebe zu beherrschen. Über andere zu herrschen ist einfach. Über sich selbst zu herrschen und sich selbst zu beherrschen, ist dagegen unendlich schwieriger.
Der Kern des heutigen Zitates ist alles, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Es gibt kaum einen Menschen, der nicht damit beschäftigt ist, andere zu beherrschen und sei es nur mit seiner Meinung. Andere überzeugen zu wollen ist, andere beherrschen zu wollen. Jede Szene ist voll von diesen Fanatikern und diese Fanatiker färben auf alle anderen ab. Andere zu überzeugen ist das Dümmste, womit wir uns in unserem Leben beschäftigen können. Denn sobald wir Gewalt anwenden und sei sie auch noch so subtil, haben wir überhaupt niemanden überzeugt, wir haben ihn gezwungen.
Jede Meinung, die durch äußeren Zwang erreicht wurde, bricht in sich selbst zusammen, sobald dieser Zwang von außen wegfällt. Sie kann also nur durch ständige Wiederholung und den Druck von anderen aufrechterhalten werden. Eine Überzeugung, die dem eigenen Erleben, der eigenen Erfahrung entspringt, fällt nie wieder in sich selbst zusammen. Sie wird höchstens durch eine neue Überzeugung aufgrund einer neuen Erfahrung abgelöst. Diese Übergänge finden immer vollkommen ohne Zwang statt.
Wahre Herrschaft ist deshalb auch die Fähigkeit, dich selbst zu beherrschen und andere nicht zu beherrschen. Sobald du dich mit deinen eigenen Gedanken, Wünschen, Gelüsten und Trieben beschäftigst, merkst du, wie überfordert du mit dir selbst bist. Dein eigenes Leben ist eine echte Herausforderung. Da kannst du dich gar nicht mehr um andere kümmern. Und wenn du dich mit dir selbst beschäftigst, dann merkst du, was für ein Schwätzer du wärst, wenn du anderen schlaue Tipps geben würdest.
Doch genau damit sind 99 Prozent der Menschen jeden Tag beschäftigt. Sie geben nicht nur ungefragte Tipps. Sie geben diese Tipps auch frei von der Kenntnis der Situation des anderen. Das ist Pseudoherrschaft. Wir tun so, als würden wir uns auskennen. Und wir tun so, als wären unsere Tipps hilfreich für die anderen. Tatsächlich sorgen unsere derartigen Interventionen nur für Spannungen.
Wenn du Herr im eigenen Haus wirst, merkst du, wie überflüssig das alles ist. Du realisierst, wie wenig du selbst weißt, wie wenig du über andere sagen kannst und wie unsicher deine Behauptungen sind und wie unsicher du bei dir selbst bist. Wie solltest du da jemals wissen, was gut für andere ist? Auf solche Ideen kommen nur arrogante Herrscher, Menschen, die sich im Größenwahn und in vollkommener Unkenntnis der eigenen Unfähigkeit einbilden, sie müssten über andere bestimmen.
Bestimmer wollen immer nur diejenigen werden, über die bestimmt wurde und die jetzt nicht bereit sind, dieses Trauma aufzulösen. Sie wollen es lieber an ihren Mitmenschen ausleben und wenn sie dadurch die richtige falsche Position bekommen, dann können einem ihre Mitmenschen nur leidtun. Sie sind charakterlich nicht geeignet, Herrscher zu sein, weil jemand, der charakterlich geeignet wäre, kein Herrscher sein will.
Nur die Ungeeigneten wollen herrschen. Und es sind all jene ungeeignet, die nie versucht haben, sich selbst zu beherrschen, die nie ausprobiert haben, was es braucht, um Herr im eigenen Haus zu sein. Es braucht nämlich jede Menge Demut und Hingabe. Und wenn du die hast, dann willst du nicht mehr herrschen. Dann bist du froh um jeden, der sich um sich selbst kümmert. Und dann lehnst du jede Herrschaft über dich ab.
Erstaunlicherweise ist das dann aber überhaupt nicht mehr notwendig. Denn ein Mensch, der sich selbst beherrscht, fällt Herrschern nicht mehr zum Opfer.