Wenn Aufklärer und Verschwörungspraxiserkenner behaupten, sie könnten hinter die Kulissen schauen, sind aber weiterhin gestresst, dann haben sie nicht hinter die Kulissen geschaut. Weder hinter die Kulissen der anderen noch und vor allem nicht hinter ihre eigenen.
Ein echter Blick hinter die Kulissen muss dich immer entspannen. Natürlich kann es sein, dass es dich erst einmal aufregt und stresst. Doch wenn du tatsächlich hinter die Kulissen blickst, muss es dich entspannen. Denn hinter den Kulissen wird es menschlich. Menschlich bedeutet fehlbar, unperfekt und natürlich auch mit dunklen Seiten. All das, was wir in die Welt projizieren, existiert als Erstes und tatsächlich in uns.
Ich bin nicht für künstlichen Relativismus. Die Dinge existieren auch außerhalb von uns. Es sind aber sehr viele Dinge, die außerhalb von uns sind. Und es stellt sich die Frage: Warum fallen uns ausgerechnet die Dinge auf, die wir für uns erkennen? Warum sehen wir den Ausschnitt, den wir sehen und nicht einen anderen?
Wir denken immer, wir sehen alles. Das stimmt nicht. Wir sehen das, was wir sehen wollen. Und dieses Wollen entspringt nicht dem Willen, sondern dem, was zu uns passt. Und was zu uns passt, ist kein bewusster, absichtlicher Vorgang. Das können wir nicht steuern. Deshalb bringt es auch nichts, so zu tun, als würde es uns nicht auffallen. Und es bringt auch nichts, Negatives durch künstliche Positivität zu kaschieren.
Tatsächlich hinter die Kulissen zu schauen bedeutet nicht nur, die anderen zu erkennen. Hinter die Kulissen zu schauen bedeutet in allererster Linie, dich selbst zu erkennen. Solange Menschen gegen die böse Elite, Politiker oder jeden anderen Menschen kämpfen, haben sie sich selbst noch nicht erkannt. Sie verorten das Böse nach wie vor in den anderen. Und während das in der Welt stimmt und wahr ist, sieht es nach echter Selbsterkenntnis vollkommen anders aus.
Bei dieser Selbsterkenntnis geht es nicht um Schuld, sondern um demütiges Anerkennen dessen, wie es tatsächlich ist, wie es in uns funktioniert. Kein äußerer Erfolg im Kampf gegen das Böse wird dir diese Erkenntnis bringen — außer du scheiterst dabei. Nur durch dieses Scheitern öffnest du dich für andere Möglichkeiten.
Wir überschätzen unseren Einfluss auf die Außenwelt und wir unterschätzen unseren Einfluss auf unsere Innenwelt. Wir sind überzeugt, dass wir durch Einfluss auf die Außenwelt glücklich werden. Diese Überzeugung halten wir auch in der Spiritualität aufrecht. Und das, obwohl alle wissen, dass es in der Spiritualität um die Innenwelt geht. Die Außenwelt ist für uns niemals steuerbar. Bei der Innenwelt gibt es zumindest die Möglichkeit der Erkenntnis.
Verschwörungspraxiserkenner könnten zum Beispiel feststellen, dass sie die Verschwörungspraxis vor allem deshalb erkennen, weil in ihnen Gefühle im Einklang damit sind. Das bedeutet nicht, dass diese Verschwörungspraxis nicht existiert, aber es bedeutet, dass es ihnen auffällt, weil die Verschwörungspraxis in Resonanz mit ihrem Inneren ist.
Das bedeutet nicht und damit meine ich nicht die Spiegeltheorie. "Wenn ich Verschwörungspraxis erkenne, dann bin ich selbst ein Verschwörungspraktiker." Damit meine ich die Gefühle in dir, die Körperempfindungen, die dadurch ausgelöst werden. Das ist die Resonanz, also auch die negative Resonanz, die Ablehnung, die Aufregung, der Druck, der Stress.
Das bedeutet nicht, dass du genau so bist. Aber es bedeutet, dass Gefühle in dir existieren, die sehr gut dazu passen und durch diese Themen ausgelöst werden. Das ist echte Selbsterkenntnis. Und erst dann hast du wirklich hinter die Kulissen geschaut.