Vor allem bei Sprache ist das ganz gut zu beobachten. Wir neigen dazu, die Sprache zu übernehmen aus den Kreisen, in denen wir verkehren. Das bedeutet, wir sprechen im Lauf der Zeit so wie andere und nicht mehr so, wie wir vorher gesprochen haben. Letztendlich war natürlich auch das die Übernahme der Sprache unseres früheren Umfeldes. Und ultimativ ist das immer die Sprache unserer Eltern. Es spricht auch überhaupt nichts dagegen, die Sprache unseres Umfeldes zu übernehmen, außer wir leben nicht so wie unser Umfeld.
Vielleicht ist dir das in der Spiritualität schon einmal aufgefallen, dass die Schüler so sprechen wie die Lehrer? Die Lehrer sprechen aber nicht so, weil sie so sprechen wie ihre Lehrer, sie sprechen so, weil sie das, was sie erleben, zum Ausdruck bringen möchten. Wenn also ein erleuchteter Lehrer Formulierungen verwendet, die sein Erleben zum Ausdruck bringen und wir übernehmen diese Art der Formulierung und seine Sprache, dann ist das nicht authentisch. Denn wir erleben nicht das, was der Lehrer erlebt. Wir tun mit Hilfe der Sprache nur so.
Wenn du etwas nicht erlebst, es aber so formulierst, als hättest du es erlebt oder als würdest du es erleben, dann bist du im besten Fall ein Nachahmer und im schlechtesten Fall ein Hochstapler. Mir fällt das in letzter Zeit vor allem in der spirituellen Szene auf. Alle verwenden die gleichen Begriffe. Alle verwenden die gleichen Formulierungen. Das gibt es aber natürlich auch in anderen Bereichen.
Du kannst dieses Phänomen in den Medien, in der Politik und in allen anderen Kreisen auch entdecken. Und dabei ist es immer so, dass ein kleiner Teil authentisch ist. Und zwar diejenigen, die so sprechen und es so formulieren, weil sie es tatsächlich erleben. Und dann gibt es immer einen viel größeren Teil, der nur nachahmt. Diese Menschen verarschen gar nicht andere, sondern in erster Linie sich selbst. Denn sie versuchen ja auch, sich selbst gegenüber so zu tun, als würden sie so sprechen, weil sie es erlebt haben. Einen anderen Grund gibt es ja gar nicht. Bestimmte Worte und Formulierungen zu verwenden, als beschreiben zu wollen, was man erlebt hat oder immer noch erlebt.
Der Verstand neigt zur spirituellen Überhöhung der eigenen Erfahrung. Das ist die Interpretation, die nach der Erfahrung einsetzt. Währenddessen ist es ganz anders. Hinterher wird ganz leicht eine Heldengeschichte daraus. Psychologen kennen diesen Effekt übrigens auch. Die Patienten wollen ihnen gefallen und verwenden deshalb die Worte der Therapeuten. Das sind immer Alarmzeichen, aber natürlich nur für diejenigen, die es mitbekommen. Denn normalerweise ist es so, dass wir uns dann geschmeichelt fühlen. Beziehungsweise wir bekommen es überhaupt nicht mit und fühlen uns plötzlich einfach nur wohl. Und tatsächlich macht uns einfach jemand nach.
Da gibt es sogar Erfolgsbücher, in denen das gelehrt wird. Man soll den anderen spiegeln, um sein Vertrauen zu gewinnen. Wenn ich so was mitbekomme, dann irritiert es mich massiv. Und das vollkommen unabhängig davon, ob die Menschen bewusst oder unbewusst nachahmen.
In der Spiritualität ist es extrem wichtig zu entdecken, falls wir unbewusst nachahmen. Denn sobald wir das tun, sind wir nicht mehr echt. Und wichtiger als "spirituell sein" ist "echt sein". Oder besser gesagt, "echt sein" ist näher an der Spiritualität, als spirituell zu tun.