Es gibt nicht nur toxische Positivität, sondern auch toxischen Wahrnehmungsrelativismus. Ich bin mir auch sicher, dass du ihn schon erlebt hast und dass du ihn schon angewendet hast. Die klassische Aussage dazu ist: "Das ist deine Wahrnehmung." Hinter dieser richtigen Aussage verbirgt sich etwas anderes. Etwas, das gar nicht so neutral ist, wie es rüberkommen soll. Es fehlt ein Halbsatz. Die gesamte Aussage lautet nämlich: "Das ist deine Wahrnehmung und die ist falsch." Alternativ spirituell ausgedrückt geht auch der Halbsatz: "Und meine Wahrnehmung ist eine andere."
So wurden und werden wir aus unserer Wahrnehmung herausgedrängt. Wir sollen versuchen, objektiv wahrzunehmen. Doch diese objektive Wahrnehmung gibt es nicht, denn auch der andere ist subjektiv. Und was er damit meint, ist nicht: "Übernimm doch bitte eine objektive Wahrnehmung!", sondern "Übernimm bitte meine Wahrnehmung! Meine objektive Wahrnehmung lautet folgendermaßen ..." Und dann kommt seine subjektive Wahrnehmung. Deine innere Antwort auf die Aussage "Das ist halt deine Wahrnehmung!", muss immer lauten: "Na klar, eine andere habe ich nicht." Darauf würden die Wahrnehmungsrelativisten dann antworten: "Ja, aber die ist nicht zuverlässig." Und deine innere Antwort lautet: "Ich muss mich aber auf sie verlassen, bis sie sich verändert."
Du kannst nichts anderes wahrnehmen als das, was du wahrnimmst. Der Versuch, deine Wahrnehmung zu verändern, findet im Kopf statt. Es kann natürlich auch sein, dass das damit gemeint ist, aber das kann nur von Menschen so gemeint sein, die in der Lage sind, ihre Gedanken zu ignorieren und ihre Gefühle zu fühlen. Die Interpretation deiner Wahrnehmung ist tatsächlich veränderbar. Wenn du deine Körperempfindung wahrnimmst, musst du deine Gedanken dazu aber gar nicht verändern, denn da gibt es keine Gedanken.
Ein ganz einfaches Beispiel: Du schaust dir ein Video an, jemand sagt etwas und du fühlst dich nicht gut dabei. Oder du triffst jemanden, ihr habt ein schönes Gespräch, dann ändert sich das Thema und es fühlt sich für dich nicht mehr gut an. Das ist deine Wahrnehmung. Die kannst du nicht verändern. Was du verändern kannst, ist die Interpretation deiner Wahrnehmung, also was es bedeutet, dass du dich nicht mehr gut fühlst. Im Idealfall bleibst du so lange und so intensiv bei deiner Körperempfindung, dass es überhaupt nicht mehr notwendig ist, deine Wahrnehmung zu interpretieren. Nur wenn du das nicht schaffst, bist du auf die Interpretation deines Verstandes oder des Verstandes der anderen angewiesen. Und da gibt es viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Es kann bedeuten, dass sich in deiner Kindheit jemand ganz ähnlich verhalten und bei dir schlechte Gefühle ausgelöst hat. Das ist für mich übrigens meistens die wahrscheinlichste Interpretation.
Viele Menschen interpretieren weit darüber hinaus und wollen wissen, was es bedeutet. Sie stellen sich diese Frage im Sinne einer Handlungsanweisung. Sie meinen zum Beispiel, es bedeutet, dass du nicht mehr zuhören sollst. Oder es bedeutet, dass du dich abwenden musst. Es bedeutet, dass der andere versucht, seine negativen Energien auf dich zu übertragen. Da gibt es in der Spiritualität und Esoterik unzählige Interpretationsmöglichkeiten. Das ist aber nicht das, was du erlebst. Was du tatsächlich erlebst, ist deine Wahrnehmung. Die Interpretation deiner Wahrnehmung findet bereits in einem anderen Bereich statt. Das ist nicht mehr die Wahrnehmung, das ist die Interpretation im Verstand.
Und die meisten Menschen verwenden ihren Verstand, um von der Wahrnehmung abzulenken. Durch diese Ablenkung müssen sie sich nicht mehr mit der ursprünglichen Wahrnehmung beschäftigen. Es ist auch egal, wer das macht, ob du das bei dir selbst machst oder andere bei dir, für mich ist das in beiden Fällen toxischer Wahrnehmungsrelativismus.