Das heutige Zitat hat zwei Ebenen. Die erste ist relativ einfach und die meisten werden diese Ebene verstehen. Die zweite Ebene bleibt für die meisten verborgen. Denn sie empfinden sie als Angriff. Die meisten werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass du niemandem helfen kannst, wenn du dir selbst in diesem Bereich nicht geholfen hast. Wenn du für dich keine Lösung gefunden hast, dann kannst du auch für andere keine Lösung finden. Das würde aber auch bedeuten, wenn du für dich eine Lösung gefunden hast, dann kannst du anderen helfen.
Und ich sage dir heute, dass das heutige Zitat gerade dann auf dich zutrifft. Denn du hast noch nicht herausgefunden, warum du helfen willst. Nur weil du für dich eine Lösung gefunden hast? Oder steckt da noch mehr dahinter?
Diejenigen, die unbedingt helfen wollen, können für sich gar nicht herausgefunden haben, warum sie unbedingt helfen wollen. Hätten sie es herausgefunden, würden sie nicht mehr unbedingt helfen wollen. Sie hätten keine Mission und keine Vision, denn sie wüssten, dass ihr Helferdrang, ihr Mitleid also ihrem Leid entspringt. Sie leiden, weil die anderen leiden. Wenn sie anderen helfen, wollen sie ihr eigenes Leid beenden.
Hilfe geschieht also vollkommen unbewusst. Wir wollen andere retten, weil wir selbst nicht leiden wollen, wenn wir sie sehen oder an sie erinnert werden. Unsere Hilfe ist übergriffig, weil es eine Übersprungshandlung ist. Nur deshalb fühlt sie sich übergriffig an! Sie entspringt nicht unserer Philanthropie, unserer Liebe zu den Menschen. Sie entspringt unserer Unfähigkeit, unsere eigenen Gefühle zu fühlen. Das Ergebnis ist weder hilfreich noch freundlich. Nur Menschen, die in der Lage sind, bei sich zu bleiben, können hilfreich sein.
Und das ist übrigens auch damit gemeint, wenn wir davon sprechen, bei sich zu bleiben. Bei sich zu bleiben bedeutet nicht, sich abzuschalten. Es bedeutet auch nicht, sich vom anderen abzugrenzen. Es bedeutet, das wahrnehmen zu können, was der andere in uns auslöst. Das ist Bewusstsein. Alles andere ist eine Übersprungshandlung und deshalb übergriffig. In erster Linie gar nicht den anderen, sondern uns selbst gegenüber. Denn wir greifen über das hinweg, was jetzt hier ist. Wir wollen es nicht wahrhaben. Und um es nicht wahrnehmen zu müssen, machen wir stattdessen etwas anderes und helfen.
Wir machen das, was von unserem Ego und deshalb auch von allen anderen gefeiert wird. Dann können wir hinterher immer sagen: "Wir haben es wenigstens versucht!" Dabei haben wir das Wesentliche überhaupt nicht versucht: Wir sind über uns und deshalb auch über die anderen hinweggegangen.