Abstrakte Texte klingen schön, fühlen sich gut an, haben aber keinen Praxisbezug. Du fühlst dich besser, hast aber keinerlei Anreiz und noch nicht einmal einen Hinweis auf die praktische Umsetzung. Wenn wir solche Texte lesen, haben wir Assoziationen. Die sind zwar traumhaft, aber vollkommen unpraktisch. Sie ermöglichen es uns, unseren Schmerz nicht zu fühlen und trotzdem so zu tun, als hätten wir es begriffen. Tatsächlich ist auch das nur eine Flucht.
Schöne Texte haben keinen Bezug zu deiner erlebten Realität. So wird Spiritualität zum Traum. Wir lieben Hoffnungen und Träume und wir hassen die Praxis. Unser Verstand tut liebend gerne so, als ob. Denn dabei kann er dich wunderbar wegbeamen. Sobald es praktisch wird, ist er ganz schnell beleidigt.
Ich kenne diesen Effekt aus meinen Retreats. Solange andere Menschen vorne sitzen und mir Fragen stellen, ist es so berührend und so schön. Selbst deutliche und harte Ansagen meinerseits werden nicht als solche empfunden, solange man selbst nicht beteiligt ist. Das ändert sich sehr schnell, sobald die Teilnehmer selbst vorne sitzen. Dann geht es um die eigene Praxis und da wird das Eis ganz schnell sehr dünn. Deshalb gehen die meisten lieber zu denen, die schön reden und schön schreiben. Da bleibt es herrlich allgemein und unverbindlich.
Im direkten Kontakt mit einem spirituellen Lehrer stellt sich die Frage: Willst du es jetzt schön? Oder willst du etwas mitnehmen? Willst du es auch dann üben, wenn es gerade nicht schön ist? Im ersten Fall ist es eine schöne Ablenkung vom Alltag. Im zweiten Fall ist es das Gegenteil. Es ist die Fähigkeit, dich im Alltag unabhängig von den Umständen auf Spiritualität zu konzentrieren.
Nichts hasst der Verstand mehr als das. Und deshalb ist das nicht beliebt. Beliebt ist immer nur das, was wunderbar unpraktisch und unverbindlich bleibt. So musst du dich nie festlegen und kannst durch spirituelle Fantasien ganz einfach flüchten.
99 Prozent der Protagonisten der spirituellen Szene bringen dir genau das bei. Unabhängig von den Umständen "hier bleiben" lernst du beim restlichen Prozent.