In der Spiritualität wird das ja oft genau umgekehrt behauptet, obwohl alle das Zitat kennen: "In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist." Die Spirituellen meinen, es ist genau umgekehrt: "Ein gesunder Geist erschafft einen gesunden Körper." Was haben diese beiden Zitate gemeinsam? Sie wollen die Richtung vorgeben. Und sie haben noch etwas gemeinsam: Unbeteiligte wollen die Richtung vorgeben. Sie fragen nicht die Kranken, wie sie es empfinden. Sie verschicken zwar Fragebögen, wie sich die Kranken fühlen und was bei den Kranken los ist. Aber die Interpretation der Richtung wollen sie sich selbst vorbehalten.
Ich habe ein ganz konkretes Beispiel aus eigener Erfahrung für dich. Ich fülle immer wieder einmal Anamnese-Fragebögen aus. Da wird nach meinem körperlichen Befinden, aber auch nach meinem psychischen Befinden gefragt. Könnte ich meine Gefühle nicht fühlen, würde ich da oft etwas anderes ankreuzen. Heute wurde ich zum Beispiel gefragt, ob ich einen Mangel an Motivation verspüre. Das ist erstens Tagesform und zweitens ist es bei meinen Beschwerden auch nicht sehr ungewöhnlich. Trotzdem bin ich nicht unmotiviert. Ganz im Gegenteil.
Es ist nur so, dass ich das, was ich gerne machen würde, körperlich nicht machen kann. Andere kommen in solchen Situationen schlecht drauf und das ist auch verständlich. Je länger dieser Zustand andauert und je weniger du spirituelle Begleitung hast oder einen spirituellen Halt aus jahrelanger eigener Erfahrung und Praxis, desto leichter geht so was auch einmal in Richtung Depression. Doch die habe ich nicht. Und mir ist vollkommen klar, die habe ich nur deshalb nicht, weil ich gelernt habe, meine Gefühle zu fühlen. Könnte ich das nicht, wäre ich viel schlechter drauf.
Und deshalb stellt sich jetzt die Frage: Was ist ein Mangel an Motivation? Woher kommt der? Was ist eine Depression? Und woher kommt sie? Für die meisten Mediziner ist klar: Das hat eine chemische Ursache. Es gibt eine Dysbalance in den Botenstoffen oder irgend so etwas. Und dann ist man halt depressiv und dann muss man diese Substanzen auffüllen oder irgendetwas unterdrücken, dann geht es schon wieder.
Für die Spirituellen gilt das Umgekehrte: Es liegt an deiner Seele. Du hast sie lange unterdrückt und das wirkt sich jetzt körperlich aus. Es tut mir leid, ich habe meine Seele in den letzten 20 Jahren immer weniger unterdrückt. Es müsste also das Gegenteil eintreten. Ich müsste körperlich immer fitter werden. Vielleicht kannst du daran das schwachsinnige Denken der spirituellen Szene erkennen?
Sie arbeiten auch mit Überzeugungen und einem festen Glauben an bestimmte Dinge. Und wenn du ihnen dann das gegenteilige Beispiel präsentierst, in diesem Fall mich, weißt du, was dann kommt? Dann versuchen sie dir einzureden, dass du es nur nicht mitbekommen hast und dass du deine Seele doch unterdrückst. Das ist nicht nur hochgradig manipulativ, sondern unfassbar programmiert. Denn sie wollen einfach recht haben. Und damit sie weiterhin recht haben, schrauben sie einfach so lange an ihrem Argument, bis sie wieder recht haben. Da kann dann etwas, das der andere sagt, überhaupt keinen Unterschied machen.
Das ist ähnlich wie bei bestimmten Ernährungsrichtungen oder bei bestimmten alternativmedizinischen oder durchaus auch schulmedizinischen Behandlungen: Wenn es bei dir nicht geklappt hat, dann hast du es nicht intensiv genug versucht, nicht lange genug gemacht, nicht strikt genug umgesetzt. Der Fehler liegt also immer bei dir. Bei welchen Menschen ist das so? Wer findet den Fehler immer bei den anderen? Hast du von diesen Überzeugten schon einmal von jemandem gehört, der gesagt hat: "Also erstens muss ich dir ganz ehrlich sagen, ich kenne das Problem gar nicht genau genug, weil ich hatte es noch nie oder ich hatte es nur abgeschwächt und ich habe lange nicht so viel ausprobiert wie du. Und du hast jetzt ja schon wirklich viel probiert. Da kann es halt dann einfach auch sein, dass die Methode, die ich dir empfohlen habe, bei dir versagt hat."
So etwas hörst du ganz selten. Die meisten wollen darauf bestehen, dass das, was sie empfohlen haben, immer richtig ist und immer funktioniert. Das sind die Überzeugten, das sind diejenigen, die an etwas glauben. Das bedeutet, sie haben es noch nicht erfahren, sonst müssten sie nicht daran glauben und sie müssten auch nicht davon überzeugt sein. Vor allem aber müssten sie ihre Methode nicht dadurch verteidigen, dass sie dir die Schuld in die Schuhe schieben, dass es nicht funktioniert hat.
Hüte dich vor jenen, die ihre Überzeugungen nicht loslassen können. Sie sind gefährlich. Ich will dir damit keine Angst machen. Sie bedrohen dich nicht direkt, aber sie halten dich auf. Sie verunmöglichen, dass du weitergehst, weil du den Fehler bei dir suchst, statt das Experiment einfach als gescheitert anzunehmen. Und wenn du zugeben kannst, dass du gescheitert bist, kannst du mit dem nächsten weitermachen.
Scheitern ist überhaupt nichts Negatives. Es ist etwas sehr Positives. Ich habe das in letzter Zeit schon öfter gesagt: Scheitern ist die Voraussetzung für Lernen.