Da dein eigener Verstand mit Verantwortung arbeitet, versucht er darüber auch andere zu bekommen. Er arbeitet gegen dich, indem er dir sagt, dass du verantwortlich bist und deshalb arbeitet er auch gegen andere, indem er ihnen sagt, sie seien verantwortlich.
Ich erinnere mich an ein Beispiel dazu: Ich hatte mit einer Kongressveranstalterin etwas vereinbart. Ich glaube, sie hatte mir versprochen, etwas von mir über ihren E-Mail-Verteiler zu verschicken. Als der Kongress beendet war und ich sie auf ihr Versprechen angesprochen habe, meinte sie, sie hätte jetzt eine große Verantwortung für 6000 Menschen, die in ihrem Verteiler sind.
Das ist keine Verantwortung, das ist Angst. Es ist Angst durch Bedeutung, die man sich durch einen großen Verteiler zum Beispiel selbst gibt. Unter bestimmten Umständen ist es auch vorauseilender Gehorsam. Der Verstand weiß bereits vorher, was gut oder nicht gut ankommen wird und deshalb zensiert er dich lieber bereits vorher, als das Risiko einzugehen, von anderen zensiert zu werden.
Der Kern davon ist immer Angst. Angst, nicht gehört und gesehen zu werden, Angst, nicht gemocht zu werden oder eben auch Angst, zensiert zu werden. Und auf dieser Klaviatur der Angst spielt der Verstand hervorragende Stücke. Die schlimmste Erwähnung von Verantwortung im Zusammenhang mit tatsächlich vorhandener Angst erlebe ich immer wieder von Eltern. Sie sagen mir: "Wenn ich alleine wäre und keine Verantwortung für meine Kinder hätte, dann würde ich das ja alles so machen, wie du sagst."
Und in dieser Aussage sind gleich zwei Missverständnisse enthalten. Ich sage dir überhaupt nicht, wie du leben sollst. Das ist ganz allein deine Entscheidung. Und ich weiß, dass ein spirituelles Leben nicht davon abhängig ist, welche Entscheidung du triffst. Ganz pauschal gesagt kannst du als Bettler genau so spirituell leben wie als König. Das zweite Missverständnis betrifft die Wirkung einer solchen Aussage. Die Wirkung dieser Aussage ist vollkommen unabhängig davon, ob du sie deinen Kindern sagst oder nicht. Denn du sagst es ja dir selbst. Und du sagst es nicht nur einmal. Du lebst die ganze Zeit in dem Eindruck, deine Kinder würden dich von irgendetwas abhalten. Und wenn du in diesem Gefühl lebst, dann vermittelst du es deinen Kindern auch ohne Worte.
Es ist kein Vorwurf und es ist auch nicht gegen dich, wenn ich dir sage, dass das eine schwere Bürde für deine Kinder ist, viel schwerer, als wenn du es machen und dabei scheitern würdest. Denn Scheitern verstehen deine Kinder. Die Lüge mit der Verantwortung verstehen sie aber nicht. Und sie verstehen auch nicht, warum sie schuld sein sollen, dass du nicht so leben kannst, wie du willst. Da es die meisten ihren Kindern aber nicht wörtlich sagen, wird das Ganze noch viel schlimmer. Die Kinder fühlen nämlich, dass etwas nicht stimmt. Sie wissen aber nicht, was das ist.
Es bleibt also die ganze Zeit ein komisches Gefühl. Sie können aber nicht herausfinden, woher es kommt. Und falls sie es ansprechen, werden sie entweder ignoriert oder es wird ihnen gesagt: "Da ist nichts." Das sorgt bei den Kindern für komplette Verwirrung. Diese Verwirrung ist nicht bewusst und sie bleibt subtil ihr ganzes Leben erhalten oder zumindest so lange, bis das Ganze von den Eltern aufgelöst wird oder bis die Kinder selbst draufkommen.
Falls du Mutter oder Vater bist und dich jetzt gerade aufgeregt hast oder mich nicht verstanden hast, habe ich eine Bitte an dich: Hör dir alles noch einmal aus der Perspektive des Kindes an!