Unterschiedliche Konditionierung führt nicht nur zu verschiedenen Sichtweisen, sondern zu einem Leben in einem vollkommen anderen Universum. Manche dieser Universen überschneiden sich teilweise sogar stark. Es gibt aber Menschen, die leben in Universen, die überschneiden sich kaum oder sogar überhaupt nicht mit deinem. Das sind Menschen, deren Verhalten wir nicht verstehen und deshalb verurteilen. Wir wissen aber nicht, wie sie konditioniert wurden.
Und mit "Konditionierung" meine ich in diesem Fall unterschiedliche Grade von Traumata. Wir wissen also nicht, womit sie traumatisiert wurden und warum sie die Welt so sehen, wie sie sie sehen, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Wir erfinden und verwenden dann eine Menge Schimpfwörter. Wir nennen sie "Narzissten" und "Psychopathen". Uns ist in diesem Moment nicht klar, dass wir ganz ähnlich wären, wenn wir Ähnliches erlebt hätten.
Es gibt bestimmte Reaktionen unseres Geistes, die können wir nicht vermeiden. Wenn Menschen behaupten: "So etwas könnte ich nie tun", dann vergessen sie die Umstände, die dazu geführt haben, dass andere das tun. Und während wir damit ausdrücken wollen, was für ein großes und gutes Herz wir haben, sind wir tatsächlich einfach nur überheblich. Wir urteilen über die anderen, ohne auch nur einen blassen Schimmer von ihrem Leben zu haben. Mehr noch! Wir wollen uns auch gar nicht danach erkundigen. Wir wollen einfach nur das bequeme Urteil beibehalten.
Einen Menschen zu verstehen bedeutet übrigens nicht gutzuheißen, was er tut. Einen Menschen zu verstehen bedeutet, in der Lage zu sein, dich mit ihm zu verbinden. Und das versetzt dich in die Lage, dass du ihm helfen kannst. Selbstverständlich muss er das auch wollen. Du musst Menschen aber nicht verstehen, um ihnen helfen zu können. Du musst Menschen vor allem deshalb verstehen können, um emotional nicht steuerbar zu sein. Denn wir alle sind über unsere Gefühle steuerbar und wir werden über unsere Gefühle gesteuert. Ob absichtlich oder unabsichtlich, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist, ob du dir dessen bewusst bist, ob du mitbekommst, wenn gerade mit deinen Gefühlen gespielt wird und wenn du beginnst, darauf zu reagieren.
Wenn du die Reaktion der anderen verstehst, dann interpretierst du ihre Reaktion nicht mehr als Angriff auf dich. Und wenn du etwas oder ein Verhalten nicht mehr als Angriff auf dich bewertest, dann musst du gar nicht mehr reagieren. Und deshalb sind deine Emotionen über die Emotionen der anderen nicht mehr steuerbar. Du kannst das momentan überall, vor allem aber in dir beobachten. Es gibt derzeit kaum jemand, der emotional nicht aufgehetzt ist, ganz egal, wo er gerade steht.
Es ist ganz egal, welche Überzeugungen wir vertreten. Die meisten sind derzeit emotional getriggert. Sie wissen ganz genau, was alles schiefläuft. Und sie wissen auch, was sich dringend verändern müsste. Und darüber streiten sie dann mit den anderen. Kaum jemand will nachschauen, warum die Emotionen des anderen die eigenen Emotionen berühren. Und da uns nicht klar ist, wie verschieden wir aufgrund unserer Konditionierung und unserer Traumata sind, wollen wir den anderen auch gar nicht verstehen.
Und dann gibt es natürlich eine weitere Herausforderung. Denn das Ganze ist natürlich ein schmaler Grad. Den anderen zu verstehen bedeutet nicht, alles gutzuheißen und alles zu tolerieren, was er tut. Das geschieht nur, wenn sich der Verstand dein Verständnis schnappt. Dein Verständnis ist ein Gefühl. Dein Verständnis ist ein "dich in andere hineinversetzen können". Genau genommen geschieht dieses Gefühl bereits, bevor du dich in den anderen hineinversetzt. Wenn du dich in jemand hineinversetzen willst, ist das schon wieder viel zu viel wollen, viel zu viel machen, viel zu viel Absicht.
Du kannst andere Menschen verstehen und gleichzeitig klar deine Grenzen wahren. Das muss noch nicht mal immer friedlich geschehen. Auch das ist nur eine Idee des spirituellen Verstandes.