Die meisten Menschen lieben Systeme und Routinen und das liegt daran, weil sie Verdrängung lieben. Systeme und Routinen ermöglichen die Objektivierung von Menschen. Wenn du ein System oder eine Routine hast, dann kannst du immer so tun, als wäre das System oder die Routine wichtiger als alles andere. Du kannst dich immer auf deine Vorgaben berufen. Im Extrem gipfelt das in der Aussage: "Ich habe nur die Anweisungen befolgt."
Anweisungen sind Bestandteil von Systemen und Routinen. Sie helfen dir, den Schmerz zu verdrängen, den du fühlen würdest, wenn du Menschen nicht objektivieren würdest. Dann würde dir plötzlich klar werden, dass du es nicht mit Nummern zu tun hast, sondern mit lebendigen Wesen. Jede Routine, jedes System, die gesamte Bürokratie, jeder Verwaltungsvorgang zielt darauf ab, den Menschen nicht als Menschen zu behandeln. Jeder Automatismus verhindert das auf ideale Art und Weise.
Wenn du einem Automatismus, einem Programm folgst, dann musst du ganz automatisch alle Beteiligten entmenschlichen. Es gibt dann nur noch Wenn-dann-Konstellationen. Wenn jemand das eine macht, machst du das andere. Es gibt dann keine individuellen, subjektiven Entscheidungen. Es gibt dann nur die sogenannte Objektivität, obwohl diese Objektivität überhaupt keinem Objekt, sondern einem Subjekt entsprungen ist.
Du führst sie jetzt aus und bekommst dadurch nur den Eindruck von Objektivität, weil du etwas roboterartig maschinenmäßig umsetzt. Du glaubst in diesem Moment an eine höhere objektive Macht. Und da diese Macht das legitimiert hat, was du jetzt gerade tust, gibst du deine eigene Macht ab. Du stellst etwas anderes — und sei es auch nur eine Anweisung — über dich selbst. Dadurch gibst du deine Subjektivität und damit auch deine dir innewohnende Moral freiwillig ab. Den meisten Menschen ist dieser Vorgang natürlich nicht bewusst. Trotzdem findet es genau so statt.
Würden die Menschen zu sich zurückkommen, könnte kein Einziger ein System oder eine Routine fordern oder gar ausführen, außer er hat sich persönlich von der Richtigkeit überzeugt. Diese Überzeugung ist nur dann echt, wenn sie frei und freiwillig entstanden ist. Sie kann also nicht von Bestechung wie zum Beispiel einer Zahlung von Geld abhängig sein. Und diese Erkenntnis muss außerdem unabhängig von inneren Programmen sein. Wenn wir zum Beispiel anderen gefallen wollen, ist das eine schlechte Voraussetzung für eine wirklich freie Entscheidung.
Alle Automatismen in unserem Leben verhindern Empathie und Einfühlungsvermögen. Die meisten sogenannten Profis schützen sich vor dem Elend ihres Berufes durch die Einhaltung von Routinen. Sie halten sich an die offiziellen Regeln und sind damit auf der sicheren Seite, was aber nicht bedeutet, dass sie hilfreich sind. Sie sind nur hilfreich für sie selbst, aber nicht für die Menschen, mit denen sie arbeiten. Sie helfen den professionell Tätigen, sich selbst vor den Konsequenzen ihres Berufes zu schützen.
Die Konsequenzen sind aber überhaupt nicht diejenigen, vor denen sie die meiste Angst haben. Die tatsächlichen Konsequenzen wären Gefühle, auf die keiner Lust hat. In vielen Fällen wären sie ohnmächtig und verzweifelt. Und wer ist schon gerne ohnmächtig, während er arbeitet?
Falls du mit Menschen zu tun hast, die ihren Schmerz durch Systeme und Routinen verdrängen, gibt es eine Frage, die du ihnen stellen kannst, um herauszufinden, ob sie hilfreich für dich sein können oder ob du überhaupt noch länger mit ihnen arbeiten willst. Und diese Frage lautet: "Wenn du mein Problem hättest, was würdest du machen?"