Den Raum zu halten wird vollkommen falsch verstanden und es wird vollkommen falsch gemacht. Die Menschen sind der Überzeugung, dass man dazu etwas tun müsste. Schließlich muss der Raum ja gehalten werden von irgendjemand! Der Raum ist aber schon immer da. Er wird nur von unserem Verstand zugemüllt. Den Raum zu halten bedeutet, etwas nicht zu tun. Wenn du den Raum halten willst, darfst du ihn nicht mit deinem Verstand zumüllen. Den Raum zu halten bedeutet, etwas zur Verfügung zu stellen, was schon immer hier war. Und das geht nur, wenn du zurücktreten kannst. Es ist also das Gegenteil von dem, was wir denken. Es ist keine aktive Tat notwendig. Es bedeutet, dass du in der Lage bist, deinen Verstand in die Schranken zu weisen oder besser noch ihn zu ignorieren.
Wenn Menschen in Retreats zum ersten Mal erleben, dass ihnen ein Raum zur Verfügung gestellt wurde, weil sie sich gehalten gefühlt haben, dann beginnen sie sich zu bedanken. Sie bedanken sich für die Energie der Gruppe. Sie bedanken sich bei den einzelnen Teilnehmern für ihre Offenheit und das Teilen ihrer Geschichte und sie bedanken sich beim Lehrer. Sie haben dann das Gefühl, dass alle dazu beigetragen haben, den Raum für sie zu halten.
Da hält aber niemand den Raum. Das Gefühl, dass der Raum gehalten wird, entwickelt sich im Zustand von Nichtverstand. Es entwickelt sich, wenn weniger Verstand als üblich präsent ist. Und wenn einer damit beginnt, dann breitet sich das im Idealfall über den ganzen Raum aus. Und weil sich das so gut anfühlt, merkt man auch sofort, falls ein Verstand reingrätscht. Das fühlt sich dann überhaupt nicht angenehm an. Doch sobald dieser Verstand ignoriert wird, stellt sich das alte Gefühl wieder ein: ein Gefühl der Ruhe. Alles ist so willkommen, wie es ist. Im Extremfall sogar ein aktiver Verstand.
Wenn du deinen eigenen Verstand ignorieren kannst, lernst du im Lauf der Zeit auch den Verstand der anderen zu ignorieren. Und wenn du den Verstand der anderen ignorieren kannst, während du deinen eigenen ignorierst, bekommen Menschen das Gefühl, dass du den Raum hältst. Wenn du jetzt aber mit einem aktiven Verstand versuchst, den Raum zu halten, dann gelingt dir das natürlich nicht. Du kennst das auch von anderen, wenn sie das versuchen. Es wirkt dann künstlich gestellt oder zumindest irgendwie gewollt. Sie wissen dann, dass sie nicht urteilen dürfen, obwohl sie noch ein Urteil in sich haben. Und dann tun sie so, als hätten sie keins. Sie verwenden dann auch die richtigen Worte und die falschen Worte lassen sie weg. Sie glauben wirklich, dass es etwas bringt, wenn sie das Wort "müssen" durch "dürfen" ersetzen.
Dabei geht es bei den Worten immer um das, was hinter den Worten wirkt und nicht um die Worte selbst. Und aufgrund dieser Missverständnisse wirkt dann alles gekünstelt. Es ist überhaupt nicht echt und authentisch. Den Raum halten kannst du nur, wenn selbst das kein Ziel mehr für dich ist. Deshalb macht es total viel Sinn, auch diese Idee aufzugeben. Die Teilnehmer in meinen Retreats haben sich jahrelang bei mir bedankt dafür, dass ich den Raum gehalten habe. Und ich wusste wirklich überhaupt nicht, was sie meinen. Ich konnte es zwar während des Retreats fühlen, aber ich konnte nicht beschreiben, was ich mache.
Wenn du etwas tust, ist es nicht wichtig, dass du weißt, wie es funktioniert. Und um dorthin zu kommen, ist es wichtig, die ganzen Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Deshalb spreche ich oft über diese Missverständnisse. Sie helfen dir nicht und sie stehen dir im Weg.