»Urvertrauen ist eine Abwesenheit.«
Urvertrauen ist keine Anwesenheit von etwas, sondern eine Abwesenheit. Wenn jemand sagt: "Die Menschen haben kein Urvertrauen!" und dabei denkt, er hätte Urvertrauen, dann versteht er nicht, dass die Menschen, die angeblich kein Urvertrauen haben, etwas erleben, was er nicht erlebt. Diejenigen Menschen, die in seinen Augen kein Urvertrauen haben, haben Zweifel und Angst. Das ist also die Anwesenheit von etwas, das er nicht kennt. Und weil er es nicht kennt, denkt er, ihnen fehle Urvertrauen. Und er glaubt dann wirklich, er könne Urvertrauen lehren, er könne Menschen beibringen, wie man im Vertrauen ist.
Dabei genügt die Abwesenheit von Misstrauen und Angst, um Urvertrauen komplett überflüssig zu machen. Wenn du nicht verunsichert bist und keine Angst hast, dann suchst du nicht nach Urvertrauen, weil die Abwesenheit von Angst die Anwesenheit von etwas anderem überflüssig macht.
Das verhält sich in vielen anderen Bereichen ähnlich. Wenn in deinem Leben Krankheit abwesend ist, dann denkst du nicht über Gesundheit nach. An Gesundheit denkst du erst, wenn du krank bist. Und wenn dir als Kranker ein Gesunder sagt, dass dir Gesundheit fehlt, dann sollte es niemanden irritieren, dass du, selbst wenn du spirituell bist, den dringenden Drang verspürst, ihm mit dem nackten Arsch ins Gesicht zu springen. Denn für jemanden, der auf der Sonnenseite des Lebens lebt, ist es extrem einfach, dir zu sagen, dass dir die Sonne fehlt. Tatsächlich sind bei dir einfach nur Wolken und er hat das große Glück, dass bei ihm keine sind.
Das nicht sehen zu können und daraus eine Lehre zu machen, ist spiritueller Missbrauch. Es ist genauso spiritueller Missbrauch wie kranken Menschen zu sagen, dass alle ihre Schmerzen, alle ihre Krankheiten nur daher kommen, dass sie im Leben etwas falsch machen. Es ist einfach, dich in einen Podcast zu setzen, während es dir gut geht. Schwieriger und für die meisten überhaupt nicht machbar wird es, wenn es ihnen schlecht geht. Denn krank und depressiv kannst du ja angeblich kein gutes Beispiel sein. Du musst ja schließlich das ausstrahlen, was sich alle wünschen.
Doch was, wenn sich alle das Falsche wünschen? Was, wenn sie sich alle an den jungen, gesunden und angstfreien Menschen orientieren und sie fälschlicherweise als unerreichbare Vorbilder verwenden? Vorbilder, die nicht verstehen, dass die Abwesenheit von etwas Gnade ist. Sie sind nicht mit Angst traumatisiert, sie sind nicht misstrauisch und brauchen deshalb überhaupt kein Urvertrauen. Aber weil alle nur nachplappern und die Worte der anderen verwenden, können sie gar nicht erkennen, dass es das, worüber sie sprechen, überhaupt nicht gibt.
Was es tatsächlich gibt, ist die Störung des Ursprünglichen, das existiert und daraus besteht unser menschliches Leben. Das bedeutet nicht, dass es für immer so bleiben muss, denn wir können es durchaus als unseren Job ansehen, diese Störungen zu heilen. Wir können etwas Negatives aber nicht dadurch heilen, dass wir uns ins Positive wünschen. Für Heilung müssen wir erkennen, welcher Bereich dysfunktional ist. Und wir können auch wählen, auf welcher Ebene wir heilen möchten. Nicht alles muss geistig geheilt werden. Vieles kann geistig gar nicht geheilt werden und muss auch körperlich heilen. Und wenn es geheilt ist, ist Krankheit abwesend und wir machen uns überhaupt keine Gedanken mehr über Gesundheit.
Genau so verhält es sich mit Misstrauen: Ist Misstrauen abwesend, machen wir uns überhaupt keine Gedanken mehr über Urvertrauen. Urvertrauen muss dann auch nicht mehr herbeigewünscht werden. Es wäre nämlich vollkommen überflüssig.