»Niemand will öffentlich darüber sprechen, wie es wirklich ist.«
Deshalb hörst du öffentlich wenig Echtes. Denn wie es wirklich ist, ist uns entweder peinlich oder wir bekommen es gar nicht mit. Wenn es uns peinlich ist, wollen wir nicht darüber sprechen und wenn wir es nicht mitbekommen, können wir nicht darüber sprechen. Außerdem verbinden die meisten Menschen mit öffentlichen Auftritten einen Zweck und dieser Zweck steuert sie.
Sobald wir einen Zweck auserkoren haben, müssen wir das, was wir sagen, dem unterordnen. Sonst könnte es ja sein, dass wir den Zweck gar nicht erreichen. Also geht alles vorher in uns durch diesen Zweckfilter. Dieser Filter verhindert das, was wir alle behaupten, erleben und leben zu wollen, nämlich unser sogenanntes authentisches Sein. Wären wir vollkommen ehrlich, müssten wir zugeben, dass die meisten von uns in ihrem authentischen Sein in der Öffentlichkeit überhaupt nicht auftreten könnten. Ihre Karriere wäre nach dem ersten Auftritt bereits wieder beendet.
Ich habe dazu ein Beispiel von "hinter den Kulissen" für dich und ich beginne mit dem, was ich öffentlich nicht zeige. Der Grund für dieses Thema in mir ist, dass ich nach Anerkennung oder Bestätigung strebe. Würde ich zu den üblichen verdächtigen Spirituellen zählen, würde ich sagen: "Es ist mein Herzenswunsch, möglichst viele Menschen zu erreichen." Und das wäre vollkommener Blödsinn. Tatsächlich ist ein Geltungsdrang in mir, der aber niemals befriedigt werden kann. Ich kann das sagen, weil ich es bereits erlebt habe. Natürlich nie in dem Ausmaß, in dem sich das der Verstand vorstellt, aber immerhin so deutlich, dass es mir aufgefallen ist. Keine Bestätigung von außen kann diesen Wunsch nach Anerkennung befriedigen.
Ich erlebe bei den Kongresseinladungen in letzter Zeit Folgendes: Immer mehr Einladungen sind offensichtlich mit Künstlicher Intelligenz geschrieben. Diese Künstliche Intelligenz schmiert mir Honig ums Maul. Sie verwendet meine Worte, die mir schmeicheln sollen. Meine eigenen Worte schmeicheln mir aber nicht. Ich kenne sie ja schon und sie entstehen ja auch nicht, weil ich dir oder mir schmeicheln möchte. Sie entstehen so absichtslos, wie ich nur sein kann.
Aber auch wenn die Einladung nicht mit Künstlicher Intelligenz geschrieben ist, versuchen die Veranstalter mir zu schmeicheln. Sie schreiben mir, wie toll sie mich finden, wie wertvoll meine Arbeit ist und wie lange sie mir schon folgen. Gleichzeitig sagen sie mir, dass sie ein ganz ähnliches Ziel hätten wie ich: Sie möchten auch viele Menschen aufwecken, aber sie möchten mir eine große Plattform für mein Wirken geben. All das sind bereits viel zu viele Absichten für ein gutes Interview oder Gespräch. Ich müsste sehr unbewusst sein, um mich von solchen Sätzen ködern zu lassen. Ich dürfte überhaupt nicht in meiner erlebten Realität leben. Ich müsste alles verdrängen und könnte mich dann geschmeichelt fühlen.
Viele Kongressveranstalter behaupten auch, dass es ihnen um den authentischen Austausch auf Augenhöhe geht. Auch das verhindert echten Austausch. Denn der Wunsch nach Augenhöhe entsteht aus einem Mangelgefühl. Doch darüber wollen die Kongressveranstalter mit mir nicht sprechen. Und da ich niemanden vorführen möchte, spreche auch ich nicht darüber. Was die Zuschauer nie mitbekommen, ist der absolut nicht authentische Switch am Anfang des Gesprächs. Denn meistens gibt es ja ein kurzes Vorgespräch und da sprechen wir ganz normal. Dann beschließen wir zu beginnen und dann gibt es eine Veränderung in der Stimmlage des Kongressveranstalters. Plötzlich versucht er, seine oder meine Erwartungen zu erfüllen oder diejenigen Erwartungen, die er denkt, dass die Zuschauer hätten.
Ab diesem Zeitpunkt ist es eine Performance, ein Schauspiel. Der Grund dafür ist auch ein ganz einfacher: Die Kongressveranstalter werden mit den falschen Versprechungen geködert. Es wird ihnen gesagt, dass sie einen großen Verteiler aufbauen werden und dadurch selbst zum Experten werden. Der Kern, um den es beim Kongress eigentlich geht, nämlich die Interviews, steht überhaupt nicht im Mittelpunkt. Die Experten werden nach Reichweite ausgesucht und die Veranstalter wollen sich im Interview profilieren. Es ist überhaupt nicht möglich, offen zu sein, wenn du solche Absichten hast. Und es gibt nur wenige Kongressveranstalter, die trotz den geschäftlichen Absichten im Hintergrund richtig gute Interviews gemacht haben.
Nach über 250 gegebenen Interviews kann ich dir sagen: "Ich kann sie an einer Hand abzählen." Und das Kriterium dafür ist eben nicht, ob der Interviewpartner gefeiert wird oder nicht. Das Kriterium dafür ist, ob man sich einlassen konnte. Nur wenn du dich einlassen kannst, entstehen echte Fragen. Wenn du selbst Experte sein willst, können keine echten Fragen entstehen. Dann hast du bereits eine vorgefasste Meinung und die findest du richtig und wichtig. Damit bist du abgeschnitten von dem, was der Interviewpartner zu geben hätte. Du willst auch was wissen. Du willst auch was beitragen. Dazu müsste man dich interviewen.
Gespräche mit spirituellen Lehrern funktionieren nur dann, wenn das Gefäß leer ist. Wenn der Interviewer keine Absichten hat oder wenn er zumindest alles auf sich beziehen kann und bereit ist, darüber zu sprechen, was in ihm geschieht. Doch genau darüber will kaum jemand öffentlich sprechen.