Deine Normalität ist nicht die Norm, sondern das, was du wiederholt erlebt hast.
Was wir als normal einordnen, ist nicht unbedingt das Verbreitetste. Es ist auch nicht unbedingt das Anerkannteste. Es ist das, was wir als normal empfinden und die Empfindung von "normal" kommt durch Gewöhnung. Alles, woran du gewöhnt bist, kommt dir normal vor und alles, was vom Gewohnten abweicht, erscheint dir seltsam. Das gilt im Kleinen wie im Großen.
Falls du jetzt gerade Musik im Hintergrund hörst, kommt es dir seltsam vor, weil es nicht normal ist. Normalerweise hörst du keine Musik im Hintergrund. Die hat aber genau da angefangen, als ich mit der Aufnahme begonnen habe. Falls mein Mikrofon gut genug ist, hörst du sie gar nicht. Dann kommt dir alles normal vor, obwohl es für mich gerade überhaupt nicht normal ist. Würde ich deshalb jetzt die Audio beenden, käme es dir nicht normal vor. Du bist an eine gewisse Dauer gewöhnt.
Unser Verstand ist so sehr auf Normalität trainiert, dass ich E-Mails bekomme, falls etwas von der Norm abweicht. Menschen fragen mich, ob mir ein Fehler unterlaufen ist und sie fragen mich auch, ob ihnen ein Fehler unterlaufen ist. Irgendwo muss ein Fehler sein. Es kann nicht sein, dass es einfach mal anders ist, vielleicht sogar schlechter und nicht zu deiner Zufriedenheit.
Ich meine damit nicht, dass du jeden Scheiß akzeptieren musst, aber du könntest beobachten, wo kleinste Abweichungen für Irritation sorgen. Und dann könntest du etwas ausprobieren: Du könntest ausnahmsweise einmal nicht reagieren. Einfach nur, um herauszufinden, was dann passiert. Ob überhaupt irgendetwas passiert und vor allem, was in dir passiert.
Und all das kannst du beobachten: Deine Gedanken, die sich daraus ergeben, deine Gefühle, die du dabei fühlst und auch die programmierten Handlungen, die du gerne ausführen würdest und die du unterdrücken musst, damit du sie nicht ausführst. Selbstverständlich kannst du auch einmal das gegenteilige Experiment machen: Du kannst dich positiv zurückmelden, obwohl überhaupt nichts dafür spricht. Du kannst dich einfach so bedanken, ohne eine Erwartung zu haben.
Unser Verstand ist nämlich in der Regel so programmiert, dass er sich mit der unbegründeten Stimmenthaltung wesentlich leichter tut als mit unbegründetem Lob. Er hält Kritik immer noch für wichtiger. Nicht deshalb, weil sie tatsächlich wichtiger ist, beides ist nicht wichtig, sondern weil es deine erlebte Normalität war.
Wenn du andere kritisierst, wurdest du kritisiert. Du hast wiederholt Kritik erlebt und hältst sie deshalb für vollkommen normal. Um also deine erlebte Normalität zu verändern, musst du das verändern, was du wiederholt erlebst. Denn deine Normalität ist überhaupt nicht normal. Sie ist deine Anpassung an das, was du erlebt hast.