»Das Streben nach Normalität ist unser Trauma.«
Sobald sich etwas verändert, wünschen wir uns das Alte herbei. Wir sehnen uns nach dem Gewohnten. Wir bevorzugen einen langweiligen stabilen Zustand gegenüber einem aufregenden instabilen Zustand. Das ist die Matrix, in der wir leben. Eine Matrix ist nichts anderes als eine Matrize, eine Blaupause. Es ist wie eine Vorlage für unser Streben und damit für unser Leben. Es ist der Bereich, in den wir immer wieder zurückfallen, weil wir dorthin drängen. Es ist also genau genommen kein Rückfall, sondern ein Zurückdrängen. Wir wollen das wieder haben, was wir einmal hatten. Dabei geht es hauptsächlich nicht um Materielles, sondern um Zustände.
Neue Zustände wollen wir nur ungern akzeptieren. Und viele Menschen streiten mit den neuen Umständen sogar ihr Leben lang. Jeder neue Umstand oder Zustand wird als Feind behandelt. Er ist etwas, das wieder weg muss. Und wenn er nicht weggeht, dann tun wir einfach so, als wäre er nicht da oder als wäre es noch wie vorher. Wir versuchen, den neuen Umstand dann irgendwie zu integrieren und dabei so wenig Kompromisse wie möglich zu machen, um zum Alten zurückkehren zu können. Wir wollen einfach nicht akzeptieren, dass sich etwas verändert hat.
Deshalb war der Wunsch und der Drang, zur Normalität zurückkehren zu können, in den letzten Jahren so intensiv. Ich hatte diesen Drang überhaupt nicht. Wegen mir hätte es so ruhig bleiben können. Aber als es sich dann zurück verändert hat und die alte Normalität wieder da war, hatte ich auch dem gegenüber keinen Widerstand. Die meisten kennen das Zitat von Heraklit dazu: "Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung." Aber wer lebt dieses Zitat?
Ich kann mich nicht erinnern, wie es in Deutschland ist, aber in südlichen Ländern mache ich eine interessante Beobachtung. Dort sitzen Mütter mit ihren Neugeborenen in Eiscafés. Und mit Neugeborenen meine ich jünger als vier Wochen. Ich würde behaupten, dass ein Kind zu bekommen eine der größten Veränderungen ist, die es im Leben einer Frau geben kann. Doch die Mütter streben zurück zur Normalität. Sie wollen alles genau so machen, wie sie es vorher gemacht haben. Sie machen das übrigens auch ohne Hitzeschutzräume bei 34 Grad im Schatten. Ich bin kein Experte für Neugeborene, aber das ist selbst mir zu heiß.
Wir streben danach, selbst die deutlichsten Veränderungen in unserem Leben irgendwie abzumildern, ein bisschen ungeschehen zu machen oder so zu tun, als könnte alles ganz normal weiterlaufen. Mütter mit ihren Neugeborenen in Eiscafés sind nur ein Beispiel. Es gibt unzählige weitere. Menschen werden krank und ihr einziges Streben liegt darin, wieder funktionsfähig zu werden. Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz und ihr einziges Streben liegt darin, sofort einen neuen zu finden. Und selbst die einzige Alternative, die sie kennen, ist, sich beim Staat beziehungsweise beim Arbeitsamt anstellen zu lassen.
Da kommt uns nichts Neues in die Tüte: keine neue Situation, kein neues Land, keine neue Definition von Arbeit, keine neue Überlegung zum Geldverdienen und schon gar keine Bereitschaft, kein Geld zu haben. Alles soll in den vorgegebenen, also normalen Bahnen weiterlaufen. Falls sich etwas verändert, wirkt die alte Normalität wie ein Magnet auf uns. Alles Bisherige wirkt plötzlich so attraktiv! Und das, obwohl wir uns erinnern könnten, dass es gar nicht so attraktiv war und dass wir in der Vergangenheit durchaus über diesen Normalzustand gejammert und sogar gemotzt haben.
"Sei Wasser!" Die Aussage von Bruce Lee ist halt gar nicht so einfach umzusetzen. Vor allem ist sie nicht künstlich umsetzbar, indem man sie sich selbst sagt und deshalb denkt, man könnte danach handeln. "Sei doch einfach wie Wasser und pass dich an die neue Situation an" bedeutet als Allererstes: Erkenne die neue Situation und anerkenne sie. Akzeptiere sie so, wie sie tatsächlich ist. Und vor allem: Wirf den Magneten aus deiner Tasche, der dich immer wieder in die alte Situation zurückzieht.