»Wir haben uns so sehr an unsere Gefühle gewöhnt, dass wir sie verteidigen.«
Ich meine damit sowohl die positiven als auch die negativen Gefühle. Wir verteidigen sie alle. Spricht jemand für die Auflösung eines positiven Gefühls, bekommen wir den Eindruck, als wolle er uns etwas wegnehmen und wir werden deshalb depressiv. Das Gleiche gilt für negative Gefühle. Obwohl wir sie nicht gut finden, wollen wir sie uns auch nicht nehmen lassen. Und falls es jemand versucht, unterstellen wir ihm, er könne uns nicht verstehen und er hätte kein Mitgefühl.
Natürlich gibt es Menschen, auf die das tatsächlich zutrifft und es hat auch keinen Wert, dir etwas schönreden zu lassen. Vor allem nicht von Menschen, mit denen du gar keine echte Verbindung fühlst und die nur so positiv reden, um selbst nicht fühlen zu müssen. Aber wenn du es mit einem authentischen Menschen zu tun hast, der aus eigener Erfahrung berichten kann, dann hat es einen äußerst großen Wert, wenn du deine Widerstände zumindest temporär ablegen kannst.
Zum Beispiel wie bei dem Zitat über Hoffnung und Zweifel. Wir lieben die Hoffnung. Wir lieben aber auch unsere Zweifel. Würden wir unsere Zweifel nicht lieben, hätten wir gar keine Lust, so oft darüber zu sprechen. Wir identifizieren uns mit beidem: Hoffnung und Zweifel, Zweifel und Hoffnung. Es ist, als würden wir uns erst dann oder dadurch lebendig fühlen, dass wir zweifeln und anschließend hoffen. Wir wollen also gar nicht, dass Ruhe einkehrt. Wir lieben die Achterbahnfahrt.
Wenn es zu ruhig wird, interpretieren wir es als Depression. Wenn es zu wild wird, haben wir auch dafür unzählige Begriffe. Der gemeinsame Nenner ist: So wie es jetzt gerade ist, ist es nicht in Ordnung. Wir wollen nicht, dass uns unsere Gefühle genommen werden, weil wir uns mit ihnen identifizieren. Wir halten sie für unsere Identität. Das ist natürlich niemals der Fall, denn sonst könnten sie sich auch nicht verändern. Doch da wir an ihnen festhalten und sie auch nicht so schnell loslassen wollen, fällt uns Veränderung so schwer.
Und deshalb sind auch Lehrer, die dir dabei helfen, dich in deinen Gefühlen zu suhlen, in der Tendenz erfolgreicher als jene, die dir zeigen, dass deine Gefühle nicht deine Heimat sind. Da wir uns in den negativen Gefühlen suhlen, sehnen wir uns irgendwann nach dem Gegenteil und wollen alles nur noch positiv sehen.
Das Angebot in diesem Bereich ist groß. Du kannst Manifestieren lernen, ein Geldmagnet werden und lernen, den perfekten Partner anzuziehen. Damit sorgst du für das Gegenteil deiner bisherigen Erfahrung. Du hast viele negative Gefühle gehabt. Jetzt willst du nur noch positive. Und diese Gefühle willst du noch weniger gern abgeben als die negativen. Deshalb identifizierst du dich wieder damit. Du glaubst jetzt: Das bist du.
Du bist aber die Hoffnung genauso wenig, wie du der Zweifel bist. Du bist weder die Freude noch die Trauer. Du bist auch nicht die Ekstase und nicht die Wut. Du bist weder Euphorie noch Depression. Du bist der, der dieses Spiel spielt und alles wahrnimmt, ganz egal, was das ist: jeden Gedanken und jedes Gefühl.
Du bist nicht abhängig von Gefühlen. Sie sind abhängig von dir.