»Um das leben zu können, was in dir ist, musst du zuerst bereit sein, nichts zu leben, was nicht in dir ist.«
Das beinhaltet also die Aufgabe herauszufinden, was du lebst, obwohl es gar nicht in dir ist. Und wenn du da ehrlich zu dir wirst, dann merkst du, dass das meiste, das du lebst, gar nicht in dir ist. Diesen Erkenntnisschritt wollen die meisten überspringen. Sie wollen lieber gleich der Freude folgen, statt den Schmerz zu fühlen, den Schmerz des Selbstbetrugs.
Es klingt so viel schöner, dass du gleich zum Positiven wechseln kannst: Leb einfach deine Berufung. Folge einfach deiner Freude. Wenn du das machst, kommst du vom Regen in die Traufe. Um dich nämlich für das Neue zu entscheiden, hast du die gleichen alten Kriterien verwendet. Du hast gedacht, es sei neu, weil es etwas anderes ist, vielleicht auch etwas Ungewöhnliches. Es soll ja immer etwas Besonderes sein, oder? Diejenigen, die von ihrem Glück berichten, berichten ja auch oft von etwas ganz Besonderem.
Und fast immer, wenn ich diesen Menschen zuhöre, wie sie von etwas ganz Besonderem sprechen, das sie jetzt machen dürfen, wofür sie sich entschieden haben, dann weiß ich schon, dass sie mit den gleichen Kriterien ausgewählt haben wie alles andere vorher. Und das Hauptkriterium ist ihre Fantasie. Das, was sie sich vorstellen. Sie stellen sich vor, dass es schön wäre, Autor zu sein an der Côte d'Azur, bei einem Espresso am Meer zu sitzen und ein Buch zu schreiben.
Das hört sich auch schön an. Und in diese Fantasie kannst du dich sogar verlieben. Und ich sage dir: Es ist ein weiterer Fehler. Es ist eine weitere Flucht. Es ist nicht wirklich in dir. Es ist nur eine schöne Vorstellung, ein Wunsch, ein Traum. Wäre es in dir, würdest du es schon längst tun. Da gäbe es in dir überhaupt keine Frage mehr und vor allem gar kein Hindernis. Jedes Hindernis wäre lächerlich im Vergleich zu dem, was in dir ist.
Da wir aufgrund unserer Programmierung fast ausschließlich das leben, was nicht in uns ist, muss erst einmal eine Menge wegfallen, bevor überhaupt der Raum in uns entsteht, herauszufinden, was in uns ist. Und nur wenn wir diesen Wegfall und den dadurch entstehenden leeren Raum aushalten können, verschwinden auch unsere Wahnvorstellungen, was wir alles machen könnten und was alles in uns ist, die alle nur aus dem Widerstand geboren werden.
Erst wenn wir bereit sind, diesen Widerstand zu fühlen, kann überhaupt etwas Neues entstehen. Und das Neue ist dann etwas sehr Altes und überhaupt nicht besonders. Es ist nicht besonders, weil es dir sehr vertraut ist. Du bist gesegnet — keine Frage! Und du bist auch dankbar, dass du es leben kannst. Aber es ist nicht das, was im Widerstand zu dem entsteht, was du gelebt hast, weil es programmiert war.
Selbst viele Coaches wollen, dass du diesen Schritt überspringst, weil sie selbst diesen Schritt auch übersprungen haben und weil sie genau wie du den Schiss ihres Lebens haben, dass alles wegbricht und zusammenbricht. Sie mögen die Leere nicht und wollen sie deshalb so schnell wie möglich füllen. Sowohl für sich selbst als auch für dich.
Ich bin diesen Schritt gegangen. Dieser eine Schritt waren mindestens zehn Jahre. Und deshalb kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen: Erst kommt die Erkenntnis, welches Leben nicht für dich ist. Dann marinierst du darin und dann erkennst du, welches Leben für dich ist.