»Der größte Trick des Ego: Es beginnt, von deinen Bedürfnissen zu sprechen.«
Deine Bedürfnisse sind so eine süße Versuchung und Verführung. Das Ego denkt, Spiritualität sei, von deinen Gefühlen zu erzählen und andere darauf aufmerksam zu machen, was du gerade brauchst. Dabei ist das ganz und gar deine Aufgabe. Es ist deine Aufgabe, dir das zu geben, was du brauchst. Und das, was du wirklich brauchst, ist viel rudimentärer als das, was du denkst, dass du brauchst.
Dein Ego lagert alles aus. Es verlagert deine Bedürfnisse nach außen. Es ist der Meinung, andere seien dafür zuständig, wie es dir geht und dass es dir gut geht. Das ist aber nicht die Aufgabe der anderen. Die Aufgabe der anderen ist es, sich um sich selbst zu kümmern. Und genauso ist es deine Aufgabe, dich um dich selbst zu kümmern.
Dieser Verschiebebahnhof von Ansprüchen und Bedürfnissen sowie deren Befriedigung ist absoluter Wahnsinn. Niemand kann das leisten, selbst dann nicht, wenn er wollte. Aber jeder kann es einfordern, selbst dann, wenn es niemand leisten kann. Die Einforderung ist einfach. Es ist das Faulste, das du tun kannst. Und da die Erfüllung der Bedürfnisse das Unwahrscheinlichste ist, das eintritt, hast du gleichzeitig eine Garantie dafür, dass du Opfer bleiben kannst.
Was als Befreiung gedacht war, nämlich deine Bedürfnisbefriedigung, wird so zum Gefängnis. Deine Freiheit kann nicht von anderen abhängig sein. Und solange du deine Freiheit doch von anderen abhängig machst, bist du ihr Sklave. Deshalb funktioniert diese Befreiung nur über die Gegenbewegung herrschen zu wollen. Deshalb können sich Menschen erbittert darüber streiten, wer welche Bedürfnisse hat und wer für die Befriedigung dieser Bedürfnisse zuständig ist.
Ich bin mir sicher, dass du die Diskussionen darüber zur Genüge kennst. Es ist das alte Ego verkleidet in einem neuen Gewand. Und es ist ein richtig fieser Trick. Denn es klingt so logisch und es fühlt sich auch so gut an, dass andere auf deine Bedürfnisse achten müssen. Wenn andere auf deine Bedürfnisse achten, musst du es nicht mehr tun und deshalb bringt dich das keinen Schritt näher zu dir.
Deine Bedürfnisse und die Verantwortung der anderen, auf deine Bedürfnisse einzugehen, sind der Traum des Ego. Dadurch kann es dich in der ewig gleichen Spirale gefangen halten. Jegliche Verantwortung deinerseits wird externalisiert und von Zuständigkeit bis Schuld kannst du alles auf andere schieben. Hauptsache du bist und bleibst machtlos. So dreht sich eine ganze Szene im Kreis und wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, dem anderen zu erklären, was wir brauchen. Nur weil wir nicht bereit und in der Lage sind, es uns selbst zu organisieren, es uns selbst zu geben.
Wenn wir schon von Bedürfnissen sprechen, dann müssten wir sie als Allererstes genauestens untersuchen. Und wir müssten bereit sein, mit diesen Bedürfnissen zu experimentieren. Nicht nur einmal oder zweimal, sondern zigfach. Dabei würden wir herausfinden, dass das, was wir als Bedürfnis bezeichnen, gar keines ist. Ein ganz einfaches Beispiel ist Essen. Die meisten Menschen würden behaupten, Essen sei ein Bedürfnis. Du müsstest also erst einmal mit Fasten experimentieren, bevor du überhaupt irgendetwas darüber sagen kannst. Erst wenn du wiederholt fastest, kommst du dem Bedürfnis Essen auf die Schliche.
Und so müsstest du alle deine Bedürfnisse untersuchen, bevor du ihre Befriedigung von anderen einforderst. Denn du machst sie dadurch nur zu Co-Abhängigen, entweder zu Co-Abhängigen von deinen Bedürfnissen oder zu Co-Abhängigen, weil sie für die Befriedigung deiner Bedürfnisse zuständig sind. Das ist dann Bedürfnisbefriedigungs-Co-Abhängigkeit.
Dafür wirst du viele Freiwillige finden, denn auch das ist eine Sucht. Eine Sucht des Ego zur Verdrängung dessen, was hier ist.